Archiv der Kategorie: ORF

Leslie: Hurrikan oder normales Sturmtief?

Wenige Tage nach einem verheerenden Unwetter auf Mallorca warnen Meteorologen und Meteorologinnen vor einem heftigen Sturm in Portugal und Spanien. Der Hurrikan „Leslie“ steuere vom Atlantik auf die Länder zu und werde heute Abend auf Land treffen, teilte das portugiesische Meeresinstitut IPMA mit. Medienberichten zufolge sollen unter anderem die Regionen um die Hauptstadt Lissabon und Coimbra betroffen sein.

Von dort werde der Sturm voraussichtlich nach Spanien weiterziehen, sagten Expertinnen und Experten im Sender Canal 24 Horas. Es wird zwar erwartet, dass sich der Hurrikan in den nächsten Stunden zu einem tropischen Wirbelsturm abschwächt – dennoch warnte das National Hurricane Center vor Orkanböen und Sturzfluten.

Quelle: orf.at (abgerufen am 13.10.18, 20.54 MESZ)

Das ist so nicht korrekt. In allen Prognosen sollte „Leslie“ die Iberische Halbinsel als außertropisches Sturmtief erreichen. Weiterlesen →

Abschwächung von Sturm FABIENNE über Österreich – Ursachensuche

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RGB-Satellitenbildanalyse von „FABIENNE“ um 19 Uhr Lokalzeit

Bis etwa 20 Uhr Lokalzeit lief am Sonntag, 23. September 2018, alles programmgemäß. Es bildete sich eine zeitweise über 800 km lange Gewitterlinie von Ostfrankreich über Süddeutschland bis Tschechien und die Südwestgrenze Polens aus. Es entstanden die bogenförmigen Ausbuchtungen an der Linie, lokal fegten Tornados hinweg. Die 159km/h vom Weinbiet klingen zwar spektakulär, ich war dort aber schon oben und die Station steht an einer sehr exponierten Kuppe, ideale Überströmung, und daher nicht ungewöhnlich. Anders die 137 km/h in Würzburg und die 148km/h in Konstanz (alter Rekord von Orkan Vivian am 27.2.1990 von 122 km/h pulverisiert).

In Österreich fiel der Sturm deutlich schwächer aus als erwartet: Reichenau a.d. Rax 121km/h und Reutte 112 km/h noch mit erwarteter Stärke. Sonst aber nirgends höher. In Ramsau/Dachstein 109 km/h, Wiener Neustadt 102 km/h und Irdning/Ennstal 100 km/h.

Irdning steht ebenfalls exponiert, Wiener Neustadt bekam Wienerwaldföhn und Ramsau hatte die Spitze kurz vor 3 Uhr, ebenfalls mit durchgreifendem Nordföhn.

Die Erklärung im ORF (abgerufen am 24.09.18, 11.25 – vmtl. APA-Meldung, weil in etlichen Zeitungen falsch) ist jedenfalls völlig falsch:

Laut Meteorologen haben starke Gewitter in Bayern die angekündigten, orkanartigen Böen erheblich abgeschwächt, teilte Franz Resperger vom Landesfeuerwehrkommando am Montag in den frühen Morgenstunden mit.

Über Bayern sind gerade mit den Gewittern Orkanböen aufgetreten. Und was haben Gewitter in Bayern mit den Windverhältnissen in Österreich zu tun? Weiterlesen →

Orkanartige Sturmböen

sturm-symbolAktuelle Meldung auf orf.at, abgerufen am 23.09.2018, 15.25 MESZ

Sturmwarnung für die Nacht

Für die Nacht auf Montag werden orkanartige Sturmböen mit 80 bis 100 km/h für ganz Österreich erwartet. […]

  • Beaufort 9: Sturm (75 bis 88 km/h)
  • Beaufort 10: schwerer Sturm (89 bis 102 km/h)
  • Beaufort 11: orkanartiger Sturm (103 bis 117 km/h)

Korrekt müsste die ORF-Zeile also lauten: „werden teils schwere Sturmböen für ganz Österreich erwartet“, weil 100 km/h noch nicht orkanartiger Sturm implizieren.

Deutsche in Österreich bzw. deutsche Touristen sind eventuell irritiert, weil das von den Windgeschwindigkeiten her nicht zusammenpasst. Tatsächlich ist die Beaufortskala in österreichischen Wettervorhersagen nahezu nicht in Verwendung, sondern stattdessen stark subjektiv gefärbte Windangaben wie „lebhaft“ und „kräftig“.

Folglich decken jene Adjektive, die sonst in der Beaufortskala vorkommen, wie „mäßig“ (Bft 4, 20-28 km/h), „stark“ (Bft 6, 39-49 km/h), „stürmisch“ (Bft 8, 62-74 km/h) sowie „Sturm“ (Bft 9, 75-88 km/h), orkanartig (Bft 11, 103-117 km/h) und Orkan (Bft 12, ab 118 km/h) viel weiter gefasste Windgeschwindigkeitsbereiche ab als in der Beaufortskala definiert.

Als Grund mag man einwenden, dass die Beaufortskala ursprünglich für die See entwickelt wurde und dass in Deutschland über viel größere Flächen einheitliche Windgeschwindigkeiten herrschen als im alpin zergliederten Österreich.

So sind Unterkärnten, die südöstliche Steiermark und das Südburgenland österreichweit klimatologisch den schwächsten Wind zu bieten. 40-50km/h („stark“) werden dort schon als stürmisch empfunden. Im Wiener Becken sind 50-60 km/h („steif“) bei Südostwind (Südföhnlage) lebhaft, 70-80km/h („Sturm“) bei Nordwest übern Wienerwald stürmisch. Ähnliche Differenzen zwischen Wahrnehmung und Beaufort-Definition findet man auch in anderen Regionen. Weil es keine offiziellen Schwellenwerte gibt, hängt es auch noch vom Vorhersager ab, welches Adjektiv zum Einsatz kommt.

Wie Schon Karl Farkas (1893-1971), österreichischer Kabarettist, zu sagen pflegte:

Was Österreicher von Deutschen trennt, ist die gleiche Sprache.

Studie: Bestimmung von kleinräumigen Starkniederschlägen – eine Einordnung

Im ORF Steiermark (abgerufen am 25.08.2018, übrigens Jahrestag des F2-T4-Tornados in Ellmau, Tirol, vor 6 Jahren) erschien vor kurzem das Ergebnis einer Studie zu kleinräumigen Unwetterereignissen, hier speziell Extremniederschläge.

In einer im Fachjournal „Geophysical Research Letters“ erschienenen Arbeit zeigten sie auf, dass kurzzeitige kleinräumige Extremniederschläge von den üblichen Wetterdienst-Messnetzen, deren Stationen rund zehn Kilometer oder mehr voneinander entfernt sind, nur mangelhaft erfasst werden. […]

Um ein wenig Wind aus den Segeln dieser Neuigkeit zu nehmen: Jeder Meteorologe im operationellen Dienst (sprich, in der Wettervorhersage) weiß, dass kleinräumige Extremniederschläge im Zusammenhang mit Schauern oder Gewittern (Voraussetzung für Starkregen) von der gegenwärtigen Messnetzdichte unzureichend erfasst werden. Dazu drei konkrete Beispiele: Weiterlesen →

Wetterphänomen im Lungau: nur was?

Inzwischen ist der Text stark gekürzt worden und stimmt nun besser. Ich lasse den alten Text aber mal stehen, inklusive der Erklärungen. Grundlage für die kritisierte Version war der Text vom 14.08.2018.  

Teil 1: Eigene Recherche

Vorab: Ich kenne den exakten Zeitpunkt des Videos nicht und aus dem Video ist nicht klar ersichtlich, wie die Wolken unmittelbar über dem Wirbel beschaffen waren.

Was wir wissen: Montagnachmittag ist von Westen her eine Kaltfront mit vorlaufenden Schauern und Gewittern durchgezogen. Davor heizte sich die Luft nochmal auf 27°C in Mariapfarr auf.

fanningbergstation-130818-1400

Webcambild Bergstation 14.00

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Webcambild Bergstation Fanningberg, 15.15

fanningbergtalstation-130818-1500

Webcambild Talstation, 15.00

fanningbergtalstation-130818-1600

Webcambild Talstation, 16.00

Von den Webcambildern her fand das Ereignis eher zwischen 14.00 und 15.00 als zwischen 15.00 und 16.00 statt. Im Webcambild der Talstation sieht man um 15.00 am linken Bildrand (Richtung Nordosten) eine abziehende Cumulonimbuswolke (helle fasrige Eiswolke), um 16.00 ist die Bewölkung bereits deutlich aufgelockerter, mit größeren Wolkenlücken nach Westen hin. Zudem weht bereits böiger Nordwestwind. Im besagten Zeitraum zogen ca. 8 bis 10km nördlich und östlich Schauerzellen durch.  Die Wetterstation Tamsweg meldete um 14.00 (föhnigen) Südostwind mit 13kt, zwischen 15.00 und 15.30 drehte der Wind auf Ost bis Nordost mit bis zu 17kt. Am Katschberg und in St. Michael/Lungau wehte weiterhin föhniger Südwind.

Was man nicht sieht: Weder die Radarbilder noch die Video- und Webcamaufnahmen deuten auf langlebige rotierende Gewitterwolken hin (= Superzellen). Einen Superzellentornado kann man ausschließen.

Spekulation:

Staubteufel (Kleintrombe)

Was spricht für einen Staubteufel? Die kräftige Tageserwärmung, immerhin knapp 27°C in Mariapfarr auf über 1100m. Der Umstand, dass vorher Windstille geherrscht haben soll, auch wenn das während dem Video so aussieht, als würde auch in der Umgebung schon der Wind gehen. Die aufgelockerten Wolken im Hintergrund, die eine kräftige konvektive Wolke vermissen lassen und damit eine Großtrombe.

Was spricht dagegen? Die Entstehung über dem See, sofern er nicht vorher schon existierte. Bei einer Umgebungstemperatur von 27°C müsste der See wohl über 40°C haben, damit sich eine rasche Temperaturabnahme mit der Höhe über der Wasseroberfläche einstellt. Das ist eher unwahrscheinlich. Laut Windmessdaten wehte in der Umgebung beständiger Südost- bis Südwind (Taleinwinde und Föhn). Das würde Heißluftblasen am Boden eher wegdrücken oder zerreißen. Außerdem war es während dem Video stark bewölkt, während Staubteufel meist bei Sonnenschein auftreten, sonst reicht es für Überhitzung nicht aus.

2. Gustnado (Böenfrontwirbel)

Gegen einen Böenfrontwirbel spricht, dass keine Schauerzelle den Ort direkt getroffen hat, sondern nördlicher bzw. östlicher vorbeigezogen sind, und zwar in beträchtlicher Entfernung. Wenn, müsste die Böenfront so kleinräumig gewesen sein, dass nicht einmal die ca. 2km entfernte Station in Mariapfarr etwas davon bemerkt hat (dort blieben die Winde auf Ost und die Temperatur ging kaum merkbar zurück). Überdies entstehen Böenfrontwirbel eher in Zusammenhang mit ausgeprägteren Gewitterlinien, hier gab es aber verstreute Einzelzellen. Für einen Böenfrontwirbel spricht am ehesten, dass kein Kontakt zu einer übergeordneten konvektiven Wolke erkennbar ist.

3. Ein nichtsuperzelliger Tornado („Typ-II-Tornado, Großtrombe“)

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Entstehung von Typ-II-Tornados (Skizze von Wakimoto & Wilson 1989)

Diese Tornadoart bildet sich dann, wenn kräftige Aufwinde nichtrotierender Gewitterwolken über bodennah bereits bestehende Wirbel ziehen. Der Aufwind streckt den Wirbel vom Boden bis zur Wolkenuntergrenze – fertig ist der Tornado.

fanning-skizze

Lage der Webcam-Stationen, Wetterstation und Wirbelereignis, Windverhältnisse (Quelle: Open Street Map)

Die Karte zeigt Ostwinde (Taleinwinde) östlich vom Ereignisort sowie Südwinde (Föhn) deutlich westlich. Die Schauerzellen nördlich verursachten wahrscheinlich Nordwinde (vlg. Fahnen an der Talstation). Das kann eine lokale, bodennahe Konvergenzzone beim Outdoorpark erzeugt haben. Winde, die also zusammenströmen und einen Wirbel um eine vertikale Achse bilden. In dem Fall gebildet durch das Ausströmen aus nördlicher Richtung (Weißpriachtal), welches auf den Südwind/wärmere Luft bei Fanning trifft.

Für einen klassischen Tornado müsste sich der Aufwindbereich der Schauerwolke über dem Wirbel befunden haben. Das ist aus dem Video leider nicht ersichtlich. Man erkennt zwar im Hintergrund Niederschlag, die räumliche Nähe am trockenen Standort kann daher gepasst haben, aber das würde den Augenzeugenbeobachtungen widersprechen („aus heiterem Himmel“). Allerdings reichte der Wirbel relativ weit hinauf (man beachte, wie weit das Strandglumpat in die Höhe gezogen wurde).

Zusammenfassung:

Aus dem Video und den wenigen Beobachtungsdaten in der Umgebung kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, was hier tatsächlich vorliegt. Ein Superzellentornado ist ausgeschlossen, ein klassischer Böenfrontwirbel wars nicht, ein kräftiger Staubteufel (Kleintrombe) erscheint am wahrscheinlichsten, evtl. zusätzlich gestützt durch die konvergenten Windverhältnisse. Für den Fall, dass sich doch ein Aufwindbereich über dem Wirbel befand, wäre ein nichtsuperzelliger Tornado ebenfalls denkbar.

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