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Saharastaub-Schlammregen: ein Oxymoron

Etwas reißerisch wurden in den Salzburger Nachrichten die Auswirkungen der Saharastaub-Wolke dargestelllt.

Ein Schlammregen hat am Donnerstag den Nordosten Spaniens mit einer Schmutzschicht überzogen. Wie das Wetteramt mitteilte, hatte sich eine riesige Sandwolke aus der Sahara mit Regenwolken vermischt. Von dem Schlammregen waren vor allem die Region Katalonien und die Mittelmeer-Insel Mallorca betroffen.

Nach Schätzungen des Wetteramts gingen auf Katalonien mit dem Regen etwa 50.000 Tonnen Sahara-Staub nieder. In der Gegend von Barcelona dürften pro Quadratmeter etwa zwei bis vier Gramm Sand auf die Erde gefallen sein, teilte die Behörde der Online-Zeitung „lavanguardia.com“ mit.

Zunächst ist man sich nicht wirklich einig, ob es sich hier um eine Staubwolke, um eine Sandwolke, um Schlamm oder um eine Schmutzschicht handelt.  Im Titel wird Saharastaub zusammengeschrieben, im Text auseinander.

Meteorologen sprechen bei diesem Wetterphänomen von Saharastaub, nicht von Saharasand, denn der Transport von Nordafrika über das Mittelmeer auf den europäischen Kontinent erfolgt über mehrere hundert bis tausend Kilometer. Sandkörner lassen sich aufgrund ihres Gewichts nur oberflächennah verfrachten (in der Wüste führt das zum Sandsturm, gelegentlich derzeit auch am trockenen Alpenostrand beobachtet). Es handelt sich also um eine Staubwolke, die dank der großflächigen Aufwärtsbewegungen durch die Warmluftzufuhr verbreitet hohe und mittelhohe Wolken bildet (Cirrostratus und Altostratus).

Nun wirds mathematisch:

Katalonien umfasst eine Fläche von 32 100 km², bei 50 000 Tonnen entspricht das einer Menge von 15 g/m² (ein Esslöffel Reis). In Barcelona mit 2-4 g/m² also noch deutlich weniger. Hier von Schlammregen zu sprechen, ist schon eine starke Übertreibung, speziell wenn man die verheerenden Unwetter der Vergangenheit betrachtet.

Wie es aussieht, ist der Begriff barro  im Spanischen vieldeutig

lluvia de barro

Ein Regenschauer (lluvia) aus

  • Ton
  • Lehm
  • Schlamm

Das Online-Übersetzungstool LEO schlägt diese drei Begriffe für el barro vor, wobei feinkörniger Ton wohl noch am besten als Umschreibung von Saharastaub zutrifft.

PS:  Und nein, das, was die deutsche BILDzeitung schreibt, ist ganz falsch:

Am Freitag sorgte der Saharastaub noch für reichlich Schauer in Deutschland. Grund: An den Staubpartikeln lagert sich Feuchtigkeit an, daraus entstehen Wolken und Schauer.

Wolken entstehen vornehmlich in den höheren Luftschichten, die jedoch die Sonneneinstrahlung stark behindern.  So wurden heute in den sonnigen Regionen ohne Staubbeeinträchtigung Höchstwerte von 20 bis 24 Grad gemessen, in den trüben Regionen hingegen unter 20 Grad.

gewitterdeutschland

Das Satellitenbild von Sat24/Eumetsat, 17.00 MESZ, zeigt die von der Staubwolke verursachte bzw. verstärkte Schleierwolkenbildung über der Benelux und der Nordsee sowie Norddeutschland. Eine schmale Schliere zieht sich auch vom Schwarzwald über den Norden Österreichs bis in die Slowakei. Dazwischen über Baden, Nordbayern und Tschechien schien hingegen öfter die Sonne (> 20 Grad) und es bildeten sich einzelne Schauer und Gewitter.

1. Staub führt zu verstärkter Wolkenbildung und Abschattung der Sonne, was die Atmosphäre stabilisiert.

2.  Mit dem Staubtransport ist oftmals eine sehr trockene mittlere Luftschicht verbunden, die die Freisetzung von latenter Wärme erschwert – und damit die Schauer/Gewitterbildung (Quelle: http://geotest.tamu.edu/userfiles/216/wong05.pdf )

3. Die massive Staubzufuhr erhöht die Anzahl der Wolkentröpfchen, verringert aber gleichzeitig deren Durchmesser.  Das Zusammenfließen der Wolkentröpfchen führt zwar zum Ausfällen der Tröpfchen, sorgt aber nur für wenig Niederschlag. Fällt dieser in die sehr trockene Luft darunter, verdunstet er und entzieht der Umgebung Wärme, was die Luftschicht weiter abkühlt und stabilisiert. (Quelle: http://www.pnas.org/content/98/11/5975.full.pdf )

4. Die Schauer und Gewitter in Süddeutschland entstehen in einer gut ausgeprägten Tiefdruckrinne, d.h., hier wehten Winde aus gegensätzlichen Richtungen und bildeten eine Konvergenz, ein Zusammenströmen und nachfolgendes Aufsteigen. Der Saharastaub spielte hier allenfalls eine untergeordnete Rolle bzw. beeinträchtigte sogar Lebensdauer und -intensität der Gewitter.

Der Sturm am Alpenostrand

Der zweitägige Sturm in Österreich vom vergangenen Wochenende (15-16.3.14) hat teils beträchtliche Schäden angerichtet.

Ein paar Windspitzen von Bergstationen …

  • Klosterwappen (2076m), Schneeberg: 185 km/h
  • Hocheck (1037m), Gutensteiner Alpen: 152 km/h
  • Hohe Veitsch (1981m), Veitschalpe: 150 km/h
  • Eismauer, Hochschwab (2220m): 150 km/h
  • Buchbergwarte (465m), Wienerwald: 133 km/h
  • Ötscher (1520m): 130 km/h

und aus dem Flachland:

  • Bad Vöslau- Flugfeld (233m), Alpenostrand: 141 km/h
  • Turnau (782m), Aflenzer Becken: 123 km/h
  • Wien-Unterlaa (201m): 119 km/h
  • St. Georgen ob Judenburg (718m): 115 km/h
  • Eichberg (578m), Joglland: 115 km/h
  • Pottschach-Ternitz (415m), Alpenostrand: 112 km/h
  • Brunn am Gebirge (300m), Wienerwaldosthang: 108 km/h

Für die Ursache des Sturmtiefs wurde ein Meteorologe von der ZAMG durch die APA befragt. Hier das Zitat auf der orf.at-Seite:

Meteorologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sagte gegenüber der APA, Stürme wie jener vom Wochenende kämen alle vier, fünf Jahre vor. Die hohen Windgeschwindigkeiten waren durch große Temperaturunterschiede zwischen einem isländischen Tief und einem Hoch vom Atlantik entstanden […].

Ob er das wirklich so gesagt hat, sei dahingestellt. Dass Meteorologen mit verdrehten, verkürzten und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten leben müssen, ist leider eine Tatsache.

1. Temperaturunterschiede?

Das ist zwar indirekt richtig, treibende Kraft für den Wind sind jedoch Druckunterschiede, die durch den Wind ausgeglichen werden. Schauen wir uns die Situation genauer an:

Zum Zeitpunkt der starken Tiefdruckentwicklung über der Nordsee wurden im Bereich des Hochs 12 Grad auf der Wasseroberfläche gemessen, im Raum Island waren es rund 7 Grad. Schön, aber was hat das mit den Orkanböen im östlichen Flach- und Bergland zu tun?

Zum Zeitpunkt eines Islandtiefs und des Atlantikhochs sahen die Bodendruckverhältnisse folgendermaßen aus:

Sturmtief

Die Abbildung zeigt die Analyse vom Freitag, 14. März, 2014, 06 UTC (= 06 Uhr MEZ), vom Bodendruck (weiße Linien) und pseudopotentieller Temperatur in 850 hPa. Hoch und Tief habe ich zur Verdeutlichung markiert, ebenso die Lage Österreichs. Ein Zusammenhang des Druckunterschieds und der Orkanböen in Österreich ist auszuschließen – es ist ja auch noch ein Tag zu früh!

Die weitere Entwicklung:

kaltfront

Samstagmittag überquert die Kaltfront des Sturmtiefs über dem Baltikum (!) Österreich von Nord nach Süd, in Wien treten sogar Gewitter auf. Der Druckgradient nimmt erstmals zu, zudem mischt die nachströmende Höhenkaltluft den Höhenwind herab. Der Schneeberg erreicht sein voraussichtlich höchstes Windmaximum seit dem 27.1.2008 (damals 230 km/h) mit 185 km/h.

Von Island her nähert sich bereits das nächste Tief.

randwelle1

In der Nacht auf Sonntag schiebt sich von Westen ein Bodenkeil nach Österreich herein, das Sturmtief wütet weiter über dem Baltikum und Russland, über Polen treten anfangs verbreitet noch Gewitter auf. Von der Nordsee her nähert sich eine weitere Störung, die sich an der Warmfront des vorherigen Islandtiefs weiterentwickelt.

randwelle2

Sonntagmittag, als der Höhepunkt des schweren Sturms am Alpenostrand erreicht wird, liegt das Hoch nahezu unverändert über der Biskaya, während das Russlandtief mit 965 hPa für Österreich keine Rolle mehr spielt. Entscheidend ist die flache Störung (Meteorologen sagen offene Welle dazu, da sich noch keine abgeschlossene Bodenisobare um den Kern des Tiefs zeigt). Sie verschärft das Druckgefälle über Österreich deutlich.

Die markanten Druckgegensätze erklären jedoch nicht, weshalb die stärksten Böen am Alpenostrand (Joglland, südliches Steinfeld, Wienerwaldosthang inkl. Wien ) aufgetreten sind.

Alpenostrand-Skizze

(Kartengrundlage: Bergfex)

Die topographische Karte des Alpenostrands wurde um die Hauptwindrichtungen während der Spitzenböen ergänzt. Es handelt sich hier klar um einen Überströmungseffekt, d.h. absinkende Luftbewegung auf der windabgewandten Seite der Voralpen und des Wienerwalds sorgte für kräftigen Westföhn. Der Mittelwind in 1500 m betrug zum Zeitpunkt der Spitzenböen etwa 130-140 km/h.

gapflows

Die obere Skizze zeigt die Verhältnisse etwa am Hocheck oder auf weiteren Kuppen der Voralpen, wo die Windgeschwindigkeiten zum Teil höher als auf den hohen Alpengipfeln lagen. Durch den Hochdruckeinfluss lag die Temperaturinversion relativ niedrig (ca. 1400 m), und zwischen niedrigen Voralpengipfeln und Inversion wurde das Luftvolumen regelrecht zusammengequetscht. Die Luft muss aber irgendwo hin und beschleunigt also. Daher die starken Winde auf freien Kuppen. Im Lee des Berges sinkt die Luft wieder ab und beschleunigt durch die Abwärtsbewegung abermals.

Ein weiterer Effekt könnte das ungewöhnlich hohe Windmaximum bei Bad Vöslau erklären, das am Ausgang des Triestingtals liegt. Hier beschleunigt der Wind vom Hocheck kommend das Tal hinaus, das sich abrupt ins Steinfeld öffnet. Der sogenannte gap flow ist hier für eine Beschleunigung am Talausgang verantwortlich.

In Summe kann man also mehrere Faktoren für die recht heftigen Sturmwinde verantwortlich machen:

  1. Starkes Druckgefälle zwischen einem Hoch über der Biskaya und einer Störung über Polen (ein Randtief im Entwicklungsstadium).
  2. Stabil geschichtete Luftmasse durch Hochdruckeinfluss mit niedriger Sperrschicht. 
  3. Dadurch verstärkte Höhenwinde in den Kamm- und Gipfellagen im östlichen Bergland.
  4. In den Niederungen Kanalisierungseffekte entlang eines Tals und am Talausgang („gap flow“) sowie Westföhn („downslope winds“).
  5. Untertags begünstigend waren außerdem die kräftige Sonneneinstrahlung auf die ausgedörrten Böden sowie stellenweise über die Kämme gewehter Niederschlag, der in die trockene Föhnluft fiel und durch Verdunstungskälte diese beschleunigte.

Insgesamt ähneln sowohl Tief- und Niederschlagsentwicklung als auch die Großwetterlage der Sturmtiefserie um den 27. Jänner 2008, als in Unterkärnten und in der südlichen Steiermark verbreitet Böen zwischen 110 und 150 km/h gemessen wurden.

Im Unterschied zu damals war jedoch die Luftmasse dieses Mal wesentlich feuchter und weniger für Verdunstungskälte anfällig, zudem kam der Höhenwind mehr aus West statt Nordwest, weshalb inneralpine Tallagen nur stellenweise betroffen waren (z.B. Aichfeld, Aflenzer Becken, Ennstal), verbreiteter jedoch der Alpenostrand. Der Druckgradient war ebenso etwas schwächer, in 3 km Höhe maximal 120-140 km/h (2008: 150-180 km/h).

Entmystifizierung der Ufowolke

Im Spiegel-Online wird sensationsheischend folgende Schlagzeile tituliert:

Vulkan Teide auf Teneriffa: Wolken-Ufos über der Mondlandschaft

Die Gruppe einigt sich schnell auf die Bezeichnung Ufowolke. Das schneeweiße Oval am blauen Himmel scheint vollkommen glatt zu sein, keine wolkentypischen Aufbauschungen, die Ränder sind zart verwischt. Als habe jemand ein Loch in den Himmel geschnitten – oder eben als schwebe da ein Ufo.

Karvaly gefällt der Begriff. Über Naturphänomene spricht sie wie über Menschen. Die glatte Wolke bringe schlechtes Wetter mit, erklärt sie. „Wenn sie sich auf die Spitze des Teide setzt, ist innerhalb von wenigen Stunden alles bewölkt, und es gibt ein Unwetter.“

Zum Glück ist in der Wetterkunde immer alles so einfach.

Bei Ufo-Wolken handelt es sich um Föhnwolken, Meteorologen sagen umgangssprachlich Föhnfische dazu, der lateinische Fachbegriff lautet Altocumulus lenticularis.

Sie entstehen bei der Überströmung von Bergen bzw. Gebirgen. Dabei kühlt die Luft mit 0,65 Grad pro 100 m ab und kondensiert zu Wolken. Auf der windabgewandten Seite sinkt die Luft mit 1 Grad Erwärmung pro 100 m ab, die Wolke löst sich auf. Beim Überströmen werden die Stromlinien gedrängt, weshalb die Wolkenoberseite glatt erscheint. Eine typische Wolke existiert so nicht, für Föhnwolken sind eben glatte Oberseiten typisch.

Beispiele für Föhnwolken:

Altocumulus lenticularis

Abb.1: Föhnwolke in den Türnitzer Alpen (vom Tiroler Kogel fotografiert)

Altocumulus lenticularis

Abb.2: Tiefe Föhnwolke (mitunter schon Stratocumulus) bei Südföhn im Wipptal, hier mit Serles (2717m) im Vordergrund

Altocumulus lenticularis

Abb.3: Föhnwolke bei Nordföhn in Innsbruck, über dem Südhang der Nordkette hängt tiefe Staubewölkung (Schneeschauer)

Altocumulus lenticularis vesperalis

Abb.4: Föhnwolken in der Abendsonne, bei Nordföhn über die Raxalpe vom Payerbach-Reichenauer Bahnhof aufgenommen

Wolkenschlange

Abb.5: Wolkenwalze im Lee des Schneebergs, Niederösterreich (Südföhn)

Steigungswolken

Abb.6: Tiefe Wolken beim Überströmen der Schneealpe (Westföhn)

Cumulus pileus

Abb.7: Sonderform einer Föhnwolke: Wenn Aufwinde Gewitterwolken erzeugen, bildet sich manchmal ein Hauberl aus.

Während vom Gebirge versetzte (d.h. im Lee der Gebirgskette) Föhnwolken bei überwiegend trockenen Luftschichten entstehen (Abb. 1-4), bildet sich die Steigungswolken, die sich als Haube (Abb. 5-6) über den Gipfelbereich legen, nur bei genügend Feuchte in den bodennahen Schichten (< 2000 m). Es handelt sich dann aber nicht zwingend um Schlechtwetterboten. In Abb.6 ist die Front bereits durchgezogen, die Restfeuchte überströmt die Ostalpen, bildet aber keine Schauerwolken mehr aus.  Im Sommerhalbjahr verhält sich die Lage oft anders, dann können die Gipfelhauben in der Tat Gewittervorboten darstellen.

So friedlich eine einzelne Föhnwolke aussieht, steht sie doch für zwei von vier Zutaten für Schwergewitter:

  • Feuchte (Existenz einer Wolke)
  • starker Wind in der Höhe (glatte Form, Föhneffekte)

Ist die Luftschichtung zudem instabil und nähert sich eine Kaltfront bzw. ein Tief (in höheren Luftschichten), können sich Gewitterwolken bilden, die langlebig und mit unwetterartigen Begleiterscheinungen (Sturzregen, großer Hagel, Sturmböen) ausfallen.

Das gilt übrigens nicht nur für die Kanarischen Inseln, sondern ist auch im Alpenraum anwendbar.

BBC erklärt, was ein Sting Jet ist

Während in Österreich vielen Einwohnern nicht einmal bekannt ist, dass Nordföhn auch in Nordtirol und Südföhn auch in Unterkärnten vorkommt, geht der BBC auf der fachlichen Ebene noch eine Stufe weiter und erklärt ein Wetterphänomen, das selbst in der Community (der Meteorologen) erst seit etwa 10 Jahren bekannt ist, den Sting Jet.

Der Meteorologe John Hammond erklärt zunächst, wie Winterstürme generell entstehen, an einer Trennzone zwischen warmen Luftmassen im Süden und kalten Luftmassen im Norden (auch Frontalzone genannt), die mit der „Jetstream-Zone“ verbunden ist (zu deutsch: Strahlstrom). ein schmaler Bereich mit hohen Windgeschwindigkeiten in der oberen Tropisphäre.

Wenn der Jetstream nach Süden rutscht und warme Luft von Süden her mitsaugt, entstehen intensive Tiefdruckgebiete und Orkane.  Dies betrifft gewöhnlich nur die nordwestlichen Regionen der Britischen Inseln. Seltener sind Zugbahnen über die südlichen Landesteile, wenn der Jetstream noch weiter nach Süden vorankommt.

Meist sind die Küstengebiete von den stärksten Böen betroffen, aber gelegentlich treten diese auch weiter landeinwärts auf, z.B.

  • The Great Storm, 1987
  • Burns Day Storm, 1990
  • October Storm 2013 (CHRISTIAN)

Der Schlüsselfaktor aller dieser im Binnenland zerstörerischer Stürme ist der sogenannte Sting Jet (Min 1:38).  Im Zentrum des Tiefs befindet sich der „Cloud head„, der Wolkenkopf des Tiefdruckgebiets, und sobald diese Wolkenluft auf die Rückseite der Kaltfront gerät, sinkt sie rapide abwärts, verdunstet, kühlt ab und beschleunigt zum Erdboden hin.

Ergänzung von mir:

stingjetsketch

Die Skizze zeigt ein Frontensystem mit Warm- und Kaltfront, und dem Sting Jet hinter der Kaltfront. L markiert das Tiefdruckzentrum, die Pfeile Warm- und Kaltluftzufuhr.

xynthia

Das infrarote Satellitenbild von sat24.com zeigt Orkan XYNTHIA am 28. Februar 2010 mit Zentrum über Benelux. Eingekreist ist der Sting Jet-Bereich, wo unter flacher, harmloser Schichtbewölkung (Stratocumulus) stellenweise Orkanböen auftraten, etwa im deutschen Saarland. Der oben beschriebene Verdunstungsprozess ist durch die unterschiedlichen Obergrenzen der Wolken belegt. Sie sind im Breich des Wolkenkopfs bzw. Warmfrontbands wesentlich höher (heller) als im eingekreisten Bereich (grauer). Durch die Verdunstung der Wolken sinkt die Obergrenze ab.

Dies erklärt schadensbringende Windböen über 120 km/h im Binnenland und auch die enorm hohen Spitzenböen während Orkan CHRISTIAN am 28. Oktober 2013, als etwa an der deutschen Nordseeküste Böen zwischen 150 und 190 km/h gemeldet wurden, was selbst für die Küsten- und Inselbewohner ungewöhnlich hohe Windspitzen sind.

Begriffswirrwarr um die Glatteisbildung

Teile Mitteleuropas werden derzeit von Glatteisbildung heimgesucht, wie sie sowohl im Ausmaß als auch in der Mächtigkeit nur alle paar Jahrzehnte vorkommt. In Slowenien sind teilweise bis zu 40 Liter pro Quadratmeter als gefrierender Regen gefallen, auch in Ungarn, im Norden Kroatiens, in Unterkärnten, in der südlichen Steiermark, in weiten Teilen des Burgenlands bis nach Niederösterreich gab es millimeter- bis zentimeterdicke Eisschichten auf den Straßen, auf Autos und in den Wäldern. Umgestürzte Bäume sind die Folge, auch Oberleitungen stürzen aufgrund der Eislast zusammen. Andauernde Stromausfälle, fehlende Heizung und ein zusammenbrechender Verkehr machen den Menschen zu schaffen.

So weit so schlecht. Ein Begriffswirrwarr existiert dann, wenn es darum geht, was da eigentlich vom Himmel fällt, und was da am Boden friert. Darum ein paar Begriffsdefinitionen:

Meteorologen nennen es Glatteis, die Boulevardmedien hingegen Blitzeis. Letzterer Begriff soll wohl suggerieren, dass Eisbildung unerwartet auftritt. Das ist aber nicht immer Fall, in Fällen wie derzeit ließ sich die Glatteisbildung sogar sehr gut prognostizieren, da die Frostschicht am Boden sehr ausgeprägt war, ebenso die Warmluftnase in der Höhe.

Eisregen ist ein missverständliches Synonym für gefrierenden Regen, da nicht Eis vom Himmel regnet, sondern sich erst am Boden bildet.

Glatteis tritt in Erscheinung als …

gefrierende Nässe, wenn

  • unterkühlte Wolkentropfen einer Nebelschicht auf gefrorenem Boden zu Eis gefrieren.
  • Reif, Schnee durch Wind und steigende Temperaturen von den Bäumen fällt, in der Sonne taut und nach Sonnenuntergang wieder gefriert
  • es regnet und nachfolgend die Temperatur wieder in den Frostbereich sinkt 

gefrierender Regen , wenn

  • unterkühlter, flüssiger Niederschlag an Gegenständen festfriert
  • flüssiger Niederschlag auf gefrorenen Boden fällt

Eiskörner entstehen, wenn Schneeflocken in eine wärmere Luftschicht fallen, schmelzen, und wieder in eine mächtige Luftschicht mit Frosttemperaturen fallen. Die Regentropfen gefrieren und erreichen in fester Form den Erdboden.

Meteorologen warnen in der Regel nur vor gefrierendem Regen, da gefrierende Nässe äußerst lokal begrenzt ist und etwas Hausverstand voraussetzt:

Nasser Boden und Frost am Thermometer = Aufpassen, rutschig!

Gefrierendes Nieseln kommt weitaus häufiger und jeden Winter vor, bevorzugt bei Hochnebellagen, wenn unterkühlte Wassertröpfchen auf gefrorenen Boden treffen. Die Glätte hält sich dann jedoch meist in Grenzen, wenngleich audauerndes Nieseln die Glatteisbildung natürlich verschärfen kann. Für Meteorologen ist dieses Phänomen besonders schwierig zu prognostizieren, da sich selten messbare Mengen akkumulieren.

Gefrierender Regen ist kurzzeitig möglich, wenn eine Kaltfront Kaltluftseen ausräumt und durch wärmere Luft in der Höhe ersetzt. In nicht ausgeräumten Kaltluftseen kann es kurzzeitig zu Glatteisbildung kommen, ehe der Wind auffrischt und die Temperatur ins Plus steigt. Da sich Kaltluftseen nur lokal halten, ist auch dies für Meteorologen eine Herausforderung beim Prognostizieren.

Der seltenste, aber zugleich gefährlichste Fall ist Glatteisbildung bei Warmfronten. Denn bodennah führt die Strömung stetig Frostluft nach, während die Warmluft in der Höhe immer mächtiger wird. Messbarer Niederschlag ist die Folge, der sich zu signifikanten Mengen akkumulieren kann – so wie derzeit südlich und südöstlich der Alpen.

Die Skizze fasst die Phänomene Schneefall, Eiskörner und gefrierenden Regen zusammen, eingezeichnet ist jeweils der Temperaturverlauf mit der Höhe und die Nullgradgrenze.

glatteis

  1. Bei Schnee liegt die Temperatur mit der Höhe immer im negativen Bereich (Messungen zeigen, dass Schneefall bei bis zu +2 Grad in 1500 m möglich ist, wenn die Niederschlagsintensität passt).
  2. Bei Eiskörnern ist eine dünne positive Schicht vorhanden.
  3. Bei gefrierendem Regen ist die positive Schicht mächtiger.

Ausblick:

Mit fortschreitender Jahreszeit reduziert sich die Glättegefahr sukzessive, denn durch den steigenden Sonnenstand trifft mehr Globalstrahlung auf den Erdboden. Sie setzt sich aus direkter Sonneneinstrahlung (bei wolkenlosem Himmel) und diffuser Himmelsstrahlung (bei bedecktem Himmel) zusammen. Derzeit aber sind die Eisschichten am Boden noch zu dick, entsprechend wird es noch etwas dauern, bis sich tagsüber eine deutliche Entspannung bemerkbar macht.

Nachtrag, 5.2.14 – In den „7 Sachen, die Sie über Blitzeis eventuell nicht wussten“ verwendet der Falter (Ausgabe 6/14, nach diesem Blogeintrag erschienen!) prompt das Unwort Blitzeis. Sonst gibt es aber – im Gegensatz zu den „7 Sachen über Schnee“ – nichts zu bemängeln. Dass ein „besonders kalter Boden“ ein gefrorener Boden ist, versteht sich hoffentlich von selbst.