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Jahrhundertblizzard: Der Selbstläufer eines Hypes

Tagelang, und schon im voraus, wurde heftig wegen eines möglichen Jahrhundertblizzards an der US-Ostküste getrommelt, 90 cm Schnee und Böen über 90 km/h wurden für New York City angekündigt. Während syrische Flüchtlinge im Libanon tatsächlich unter dem Kälteeinbruch leiden und vom Tod bedroht sind, fielen in New York nur 15-25 cm und die Auswirkungen hielten sich dank umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen stark in Grenzen.

Die Analysekarte vom Dienstag, 27. Januar 2015, 13 MEZ (07 Uhr Lokalzeit), zeigt den Luftdruck am Boden sowie die Luftmassen in 1500 m Seehöhe anhand der äquivalentpotentiellen Temperatur, die auch die Feuchte beinhaltet.

Die nördliche US-Ostküste ist für heftige Regenfälle, Tropenstürme (vgl. SANDY 2012) und Blizzards wie geschaffen, aus mehreren Gründen:

1. ziehen Tiefdruckgebiete über den Atlantik nordostwärts. Über dem Festland würden sie sich aufgrund der Bodenreibung rascher abschwächen, außerdem stellt das warme Ozeanwasser tageszeitunabhängig Energie zur Verfügung, während sich der Kontinent in der Nacht rascher abkühlt.

2. befindet sich über Kanada bis Grönland im Winter ein massiver Kaltluftkörper in Polarkreisnähe. Die geringere Wärmekapazität des Festlands sorgt für beständige Kälte, und im Gegensatz Madrid in Spanien, das auf dem gleichen Breitengrad liegt, kann die Kaltluft nicht eine längere Strecke über das frostfreie Meerwasser zurücklegen, und sich entsprechend kaum erwärmen.

3. befindet sich die Frontalzone häufig genau im Grenzbereich zwischen milden Atlantik und kaltem Festland. Entsprechend ziehen die Tiefdruckgebiete (unter Verstärkung) entlang der US-Ostküste.

Die vorliegende Analysekarte zeigt, dass der Sturm etwas östlicher zog als die Wettermodelle ursprünglich zeigten. Damit befand sich der Niederschlagsschwerpunkt östlich von New York City. Die starke Isobarendrängung an der Westflanke des Tiefs (schwarzer Kasten) deutet auf stürmische Nordwinde hin, welche rasch frostige Polarluft einströmen lässt.

  • Wäre das Tief etwas westlicher gezogen, hätten sich der intensive Niederschlagsbereich und der starke Wind genau überlappt.
  • Bei einer noch westlicheren Zugbahn wäre NYC auf die Vorderseite des Tiefs gekommen, d.h. in eine südöstliche Bodenströmung mit wärmeren Luftmassen (Regen).
  • Bei einer noch östlicheren Zugbahn hätte NYC zwar stürmischen Nordwestwind und eisige Kaltluft erhalten, dafür kaum noch Schneefall.

Wenige dutzend Kilometer entscheiden also über ein völlig anderes Wetter – zwischen worst case (Jahrhundertblizzard) und starkem Regen, aber kaum Wind.

Manche Meteorologen oder Journalisten ließen sich dazu hinreißen, auf Twitter genaue Mengen vorherzusagen bzw. gar hochaufgelöste Lokalmodelle zu posten. Hochaufgelöst bedeutet aber nicht exakte Prognose! Die hohe Auflösung ist nur dann eine Stärke, wenn das Muttermodell, mit dem das Lokalmodell gefüttert wird (= Rand- und Anfangsbedingungen) das Tief korrekt erfasst. Kleinere Abweichungen, und das Lokalmodell rechnet die 50 cm Neuschnee am falschen Ort.

Quelle: NWS

Quelle: NWS

Die 24-Stunden Summenkarte in Inch (1 inch = 2,5 mm)  bis 28.01.2015, 09:06 Lokalzeit, zeigt verbreitet 20-30 cm, an einzelnen Stellen nördlich von New York City auch über 50 cm. In Boston fielen zum Beispiel 60 cm Neuschnee.

Laut Weather Channel auf Twitter

30.8″ of snow in Blue Hill, MA making it their 2nd biggest snowstorm on record & 4th biggest for Portland, ME w/ 23.8″

fielen teils sogar knapp 80 cm Neuschnee.

Für die Regionen außerhalb New York handelte es sich also tatsächlich um einen veritablen Schneesturm, allerdings konzentrierte sich der Hype natürlich vorwiegend auf die Millionenmetropole.

Das Problem für die Meteorologen ist einerseits medial bedingt, andererseits kann man sich selbst dem Hype nicht immer entziehen und entwickelt ebenfalls eine hohe Erwartungshaltung an das potentiell historische Unwetterereignis. Das lässt die Meteorologen dann mitziehen, statt zu bremsen, selbst wenn die neuesten Modelle entweder eine Abschwächung zeigen oder größere Unsicherheiten vorhanden sind.

Der Hype entwickelt sich zum Selbstläufer wie ein perpetuum mobile, und wenn sich unmittelbar vorher dann abzeichnet, dass die Modelle die östlichere Zugbahn wählen oder das Tief schwächer ausgeprägt ist als erwartet, ist es bereits zu spät.

Katastrophenankündigungen verkaufen sich nunmal besser als Relativierungen.

Als Fazit ist zu ziehen: 

Die Meteorologen können sich nur auf die Annahmen der Wettermodelle stützen. Liegen diese falsch, geht die Prognose daneben. Der ideale Weg ist daher ein Mittelweg, nicht den worst case nach außen zu tragen, sondern den wahrscheinlichsten Fall – und Wahrscheinlichkeiten kommuniziert man über Prozentangaben (das Ereignis ist zu 80 % sicher) oder über Bandbreiten (für die worst case Zugbahn werden 30 % Vorhersagesicherheit erwartet, die wahrscheinlichste Zugbahn ist aber …). Das MetOffice löst dieses Dilemma etwa bei Zugbahnen von Sturmtiefs über Großbritannien mit Hilfe von Grafiken, die die wahrscheinlichste Zugbahn und strichliert bzw. anders markiert, unwahrscheinlichere (worst-case oder no-case) Zugbahnen zeigen, und welche Auswirkungen dies für die Bevölkerung hat.

Wissenschaftsjournalisten wissen um diese Unsicherheiten und gehen nicht mit dem worst case an die Öffentlichkeit. Das klingt einfacher als es ist. Am besten verkäuflich sind – wie bereits erwähnt – dramatische Wetterereignisse, und keine Zeitung oder Medienportal möchte die Gelegenheit verpassen, auf ein solches hinzuweisen, wenn das alle tun.

Der Konsument der Berichterstattung sollte das im Hinterkopf behalten, und der Meteorologe im Dienst muss versuchen, sich dem Hype zu entziehen, und statt einem top-down-approach – nur Modelle heranziehen, die das Unwetterereignis zeigen – den bottom-up-approach hernehmen, d.h., anhand der verfügbaren Datenlage interpretieren, was am wahrscheinlichsten ist.

Wintereinbruch und Kältewelle für Österreich übertrieben?

Nachdem der Winter sich trotz meteorologischem und kalendarischem Winterbeginn wochenlang nicht in Mitteleuropa blicken ließ, glaubte man schon an eine Wiederholung des winterlosen 2013/2014-Winters. Doch ein markanter Wetterumschwung über die Weihnachtsfeiertage brachte unverhofft deutliche Minusgrade in den Ostalpenraum.

An Heiligabend wurden beispielsweise mit Föhnunterstützung am Alpenostrand noch bis zu +17°C Höchstwert gemessen, fünf Tage später kletterte das Quecksilber in derselben Region nicht mehr über -4°C am Nachmittag. Auch die Tiefstwerte können sich sehen lassen: An Heiligabend in einzelnen Föhnlöchern nicht unter +8°C, am 30.12. in der Früh bis -18°C in Teilen Kärntens.

Dazu fiel bei Dauerfrost verbreitet Neuschnee, im westlichen Bergland dank zweier Warmfronten sogar enorme Neuschneemengen selbst im Flachland, mit verbreitet 30-50 cm am Alpennordrand. Wohlgemerkt alles Pulverschnee, nachdem die Wochen davor deutliche Plusgrade bis in mittlere Lagen überwogen.

Schnee und Dauerfrost sind im Winter nun überhaupt nichts Ungewöhnliches, allerdings treten strenge Fröste und länger anhaltender Dauerfrost insgesamt immer seltener auf. Der schneereiche Winter 2012/2013 war etwa durch wenige Tage mit Dauerfrost gekennzeichnet, im vergangenen Winter musste man selbst Tage mit nennenswerter Schneedecke im Flachland oft suchen, Frost trat kaum auf.

Der Höhepunkt des Winter-Intermezzos wurde am Dienstag, 30.Dezember 2014, um 01 MEZ erreicht, als die -15°C in 850 hPa (hier: in 1500 m Höhe) die Voralpen überflutete, in Südostpolen wurden sogar -20°C erreicht.

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Im Winter 2012/2013 waren Luftmassen mit -10°C in 850 hPa und weniger häufiger über Mitteleuropa, wenn auch nur kurzzeitig im Alpenraum anzutreffen. Am 26.1.2013 befand sich zuletzt die -15 in 850 hPa über dem Norden von Österreich.

Auch im Winter 2010/2011 gab es einen solchen Streifschuss, etwa am 23. Februar 2011

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Die heftigste Kältewelle der vergangenen jahre fand aber im Februar 2012 statt, als am 5. Februar um die Mittagszeit -20°C in 1500 m über Ostösterreich gemessen wurden:

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Auffallend ist aber, dass diese enormen Kaltluftvorstöße typischerweise erst im Februar auftreten, teils sogar noch später. Eiseskälte zu Weihnachten ist eher selten – in 7 von 10 Fällen tritt das altbekannte Weihnachtstauwetter mit einer milden, stürmischen Südwestlage auf, am Alpenostrand mit hartnäckiger Kaltluft gelegentlich den gefürchteten gefrierenden Regen bringend.

Wie ungewöhnlich ist also ein derartiger Kaltluftvorstoß in der letzten Dezemberdekade?
In den vergangenen 20 Jahren zeigen die Archivkarten:

Ein noch markanterer Kaltluftvorstoß fand am 27. Dezember 1996 statt:

Rcfsr_2_1996122700

Ein ausgeprägter Kaltlufttropfen sorgte auch am 13. Dezember 2001 für einen Kurzbesuch der -20er Isotherme:

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Am 23. Dezember 2003 reichte es kurzzeitig für die -15 in 850 hPa im Alpenraum, am 30. Dezember 2005 war es ähnlich kalt, im Dezember 2009 zog die Kaltluftblase nördlich der Alpen über Deutschland hinweg – mit bis zu -20°C am 19. Dezember, am Folgetag morgens aber auch die Nordalpen streifend.

Auch der Dezember 2010 begann mit -20°C in 850 hPa über Ostdeutschland. Rcfsr_2_2010120206

In Summe traten in den vergangenen 20 Jahren einschließlich heuer sieben mal arktische Polarluftvorstöße auf, wesentlich häufiger bewegten sich die 850er über der -10°C-Isotherme und noch viel häufiger herrschte eine zügige Westströmung im Dezember vor.

So gesehen ist der Zeitpunkt des „arctic outbreaks“ kurz nach Weihnachten doch vergleichsweise ungewöhnlich.

Mit den Kältewellen in den USA kann dies sicher nicht vergleichen, aber dort begünstigt auch die geographische Lage derartige massive Kältewellen:

maps

Am Ostrand der Rocky Mountains steht der arktischen Kaltluft, die sich im Winter über dem Binnenland von Kanada sammelt, nichts im Wege, und am Südrand der Großen Seen verstärkt der Lake-Effekt, wenn kalte Luft über der Wasseroberfläche Feuchtigkeit tankt, noch heftige Schneefälle. Zudem gehen die Kaltluftvorstöße oft mit Sturmtiefs im Osten der USA einher, die sich im Grenzgebiet zwischen kontinentaler Kaltluft und atlantischer Warmluft bilden.

In Europa verhindert das skandinavische Gebirge, dass Kaltluft auf direktem Wege von Spitzbergen zu uns gelangen kann. Dies geschieht häufiger über die Nordsee, wo sich die Kaltluft über dem vergleichsweise milden Wasser erwärmen kann. Wesentlich seltener sind Kaltluftvorstöße über die (im fortgeschrittenen Winter teilweise zugefrorene) Ostsee sowie vom russischen Kontinent her. Das dauert ein paar Tage und erfordert für Extremtemperaturen zudem Hochdruckeinfluss (wenig Wind + klaren Himmel) , was bei dieser Großwetterlage äußerst selten in Mitteleuropa vorkommt. Häufiger geschieht die Kaltlufzufuhr, wie derzeit, unter Tiefdruckeinfluss, damit bei Wind und dichter Bewölkung, welche Extremtemperaturen bis auf windgeschützte Lagen flächendeckend verhindert.

Auch wenn man sich das Herkunftsgebiet anschaut: Der Ursprung der nordamerikanischen Kaltluft hat wesentlich größere Anteile an Festland und zugefrorenem Binnenmeer, wo sich über Wochen hinweg dauerhafte Kaltluftreservoire aufbauen können, während das Ursprungsgebiet für Mitteleuropa wesentlich höheren Meeranteil (Nordsee und norwegische See bis Barentsee) umfasst, also tendenziell etwas weniger kalte Luftmassen, die erst in Ruhelage (unter Hochdruckeinfluss) über dem Kontinent richtig abkühlen können.

In Summe halte ich folglich den Begriff Wintereinbruch für das winterliche Intermezzo in Deutschland und Österreich aufgrund der sehr milden und schneefreien Vorgeschichte für gerechtfertigt. Die Kältewelle wird zwar in höheren Lagen ab Neujahr beendet sein (5 Tage Dauer), sich in den Niederungen mitunter noch etwas fortsetzen, ehe sich mit der maskierten Kaltfront ab Freitag, 2. Jänner, auch in den Niederungen Tauwetter durchsetzt (anfangs mit gefrierendem Regen). In weiterer Folge gibt es wohl einen Wechsel aus kurzen milderen Phasen und Schneefall bis in tiefe Lagen. Der Dauerfrost ist aber erst einmal vorbei. Ob man nun Kältewelle oder Kälte-Intermezzo schreibt, bleibt dem Journalisten überlassen.

Gonzalo immer noch ein Hurrikan?

Tropensturm GONZALO war eine echte Überraschung für viele Vorhersager tropischer Zyklone, denn der Sturm mauserte sich rasch zu einem Kategorie-4-Hurrikan, also einem Hurrikan der zweitstärksten Stufe, der erste auf dem Atlantik übrigens seit 2011. Er entstand am 12. Oktober 2014 östlich der Kleinen Antillen und wandelte sich im Laufe des 19. Oktobers beim Vorbeizug an Neufundland in ein außertropisches Sturmtief um.

Dieses außertropische Sturmtief EX-GONZALO überquerte Großbritannien am 21. Oktober, die Kaltfront zog am Nachmittag und Abend mit Pauken und Trompeten auch über Deutschland und den Alpenraum hinweg. Den ehemaligen (!) tropischen Eigenschaften der Luftmasse, d.h. sehr feucht und instabil geschichtet, ist es zu verdanken, dass für die Jahreszeit ungewöhnlich viele Gewitter mit Kaltfrontpassage (und bereits davor) auftraten. Als Tropensturm oder gar Hurrikan wurde das Tief zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr geführt. Es fehlte im Warmsektor auch gänzlich der für kräftige Orkantiefs typische Sturm im Flachland noch erreichte eine Wetterstation im Flachland einen 10-minütigen Mittelwind von 117 km/h. Hurrikan trifft damit auch im wortwörtlichen Sinn (hurricane = Orkan) nicht auf dieses Tiefdruckgebiet zu.

Trotzdem gibt die APA eine Presseaussendung heraus, die lautet …

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ [….]

Die PA wird ungeprüft von zahlreichen Zeitungen übernommen und zwar abgewandelt, aber die entscheidende Falschaussage bleibt überall bestehen:

Im Standard:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ zogen in Form einer Kaltfront von Westen her über das Bundesgebiet

Quelle: http://derstandard.at/2000007142572/Wettersturz-in-Oesterreich

Im Hamburger Abendblatt:

Ausläufer von Hurrikan „Gonzalo“ fordern erste Opfer

Eine Frau wurde von einem Baum erschlagen. Hurrikan „Gonzalo“ behindert den Flugverkehr. In der Nacht ist auch Hamburg betroffen.

Quelle: http://www.abendblatt.de/vermischtes/article133504625/Auslaeufer-von-Hurrikan-Gonzalo-fordern-erste-Opfer.html

Im ORF:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ waren über Großbritannien hinweggefegt.

Quelle: http://orf.at/stories/2250537/

In der NZZ:

Vom Waadtland bis nach St. Gallen haben Ausläufer des Hurrikans «Gonzalo» am Dienstagabend für Feuerwehr- und Polizeieinsätze gesorgt.

Quelle: http://www.nzz.ch/panorama/auf-orkanboeen-folgen-die-schneeflocken-1.18408829

In der FAZ:

Die Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ bremsen Flugreisende in Großbritannien.

Quelle: http://www.faz.net/agenturmeldungen/unternehmensnachrichten/hurrikan-gonzalo-auslaeufer-in-grossbritannien-flugausfaelle-13221451.html

In der NOZ:

Am Nachmittag wird der heftige Sturm – ein Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ – das Hochwasser dann noch einmal gegen 14 Uhr an der Elbmündung steigen lassen.

Quelle: http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/516268/orkanboen-in-niedersachsen-aber-sturmflut-bleibt-aus-1

Ausläufer ist übrigens kein meteorologischer Fachbegriff, sondern umgangssprachlich bzw. für Laien anschaulich ein anderer Begriff für Front oder Frontensystem. Man spricht auch von Frontenausläufern oder für Ausläufer (meist) anstelle einer Kaltfront. So sorgte auch dieses Mal, von dem anhaltenden Sturm an der Nordsee abgesehen, die Kaltfront überwiegend für die Spitzenböen in Mitteleuropa. Hurrikane besitzen aber per definitionem keine Kaltfront, sondern bestehen im Reifestadium aus Schauer- und Gewitterbändern. Diese können zwar optisch wie eine Kaltfront aussehen, führen aber keinen Luftmassenwechsel herbei. Die Kaltfront gestern abend brachte aber einen markanten Temperatursturz, der wiederum typisch für eine Sturmtiefpassage der gemäßigten Breiten ist.

Die Medien hätten also schreiben müssen:

„Ausläufer eines Sturmtiefs, das aus dem ehemaligen Hurrikan GONZALO hervorging, brachten ….“

Sensationsjäger beim ZDF

Eine mehr als peinliche Dokumentation hat der ZDF mit „Wetterjäger in Deutschland“ abgeliefert.

Gewitter, Orkane, Starkhagel (00:27)

Starkhagel gibt es nicht. Hagel(schlag) kann dicht sein (kleine Hagelkörner, aber massenweise) oder groß (vom Durchmesser).

Sogar Tornados sind in unseren Breiten keine Seltenheit mehr. (00:36)

Tornados hat es schon immer in Mitteleuropa gegeben.

„Doch wo und wann genau wird das Unwetter zuschlagen?“ (01:23)

Reißerischer geht es nicht mehr. Bei keiner noch so schweren Unwetterlage rennen die Meteorologen mit angsterfülltem Blick wie aufgescheuchte Hühner durch das Büro. Das wäre auch ziemlich unprofessionell, nicht?

„Aber des sieht wirklich harmlos aus auf de Wetterkarten“ (02:15)

radarbild

Auf dem Bildschirm ist ein aktuelles (!) Radarbild (!) zu sehen und keine Vorhersage (02:08), die eingekreisten Bereiche zeigen an, wo sich bereits überall Schauer und Gewitter entwickelt haben. Im Bereich der Schwäbischen Alb sieht man eine kräftigere Gewitterzelle.

Daraus abzuleiten, es sehe harmlos aus und wie sich die Entwicklung überhaupt weiter gestaltet, ist schon sehr gewagt.

Eine Größe von 5 cm ist mittlerweile auch in Deutschland keine Seltenheit mehr (4:01)

Der nächste Unsinn. Beim Hagelunwetter in München am 12.Juli 1984 gab es sogar 10-14 cm große Geschosse. 5 cm werden bei fast jeder größeren Schwergewitterlage im Sommer erreicht.

06:18: Dass die Schadenssumme steigt, liegt am steigenden Wert der versicherten Güter, aber auch daran, dass etwa Wintergärten und Gewächshäuser sehr beliebt sind. Davon bereinigt auf eine Zunahme an Hagelereignissen zu schließen, ist schwierig.

07:20: Die Schwäbische Alb zählt  statistisch gesehen zu den Regionen, wo am häufigsten Hagel und Großhagel auftreten. Hier strömt feuchtwarme Mittelmeerluft von Südwesten heran, die einen sehr hohen Flüssigwassergehalt aufweist. Dieser ist für extrem großen Hagel Voraussetzung. Da die Albfläche höher gelegen ist als etwa das Norddeutsche Tiefland, schmilzt der Hagel auf dem Weg von der Gewitterwolke zum Erdboden nicht so stark ab und erreicht mit größerem Durchmesser als in tiefergelegenen Regionen die Oberfläche.  Je nördlicher, desto absolut trockener ist im Durchschnitt die Luftmasse, das gilt auch für das Hochgebirge. Ausschließen kann man großen Hagel aber nirgends.

Auch in Deutschland sind Tornados längst keine Seltenheit mehr (9:02)

s.o. , die Europäische Unwetterdatenbank (ESWD) belegt, dass Tornados seit dem frühen Mittelalter beobachtet wurden.

12:45 Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des DWD, stellt endlich klar, dass „Deutschland auch ein Tornadoland“ sei.

Ob der (Wind) sich zu einem Tornado verstärkt, können sie noch nicht abschätzen (13:53)

Ein kalter Ausfluss aus einem Gewitter wird nicht einfach so zum Tornado, der Tornado ist ein abgegrenztes Gebilde innerhalb eines Gewitters. Zwar in unterschiedlichen Formen, aber eben nicht so einfach wie hier gesagt.

14:27 So, jetzt wird mal eben suggeriert, dass Hurrikans Tornados sind.

Mit einem solchen Wirbelsturm rechnen Marco und Benjamin heute zwar nicht (15:44)

Und erneut werden Hurrikane und Tornados in einen Topf geworfen.

19:30 Das Klischée der Fachidioten (seufz). Auch Meteorologen setzen nicht blindlings auf „Super-Computer“, Intuition ist immer mit dabei. Synoptisch gewürztes Bauchgefühl, wie man auch sagt.

Ein riesiges Tiefdruckgebiet entsteht vor Schottland. Kalte Polarluft zieht nach Europa und trifft auf warme Meeresströmungen aus dem Golf von Mexiko (21:10)

Öhmmm … nein:

tief

Quelle: maps-for-free.com

Der Landwirt sagt für die erste Testwoche milde Temperaturen […] (21:26)

Bezugsort? Das ist zudem keine Langfristprognose. Es kann nicht einmal nachvollzogen werden, welche Wetterlage geherrscht hat. Der Zuseher wird im Unklaren gelassen.

25:11 Alles klar, seine Fehlprognose liegt am Klimawandel. Böse Zwetschgen.

Doch dieses Mal waren die Bienchen wohl etwas vorschnell (26:17)

Weil phänologische Beobachtungen nur den Ist-Zustand zeigen, keine Prognose?

Wer hätte etwa angesichts des Wintereinbruchs Ende November geglaubt, dass dies die letzte schneereiche Phase im gesamten Winter 13/14 bleiben würde?

28:22 Ja eh, Bauernregeln schlagen Super-Computer bei einer Prognose ohne Bezugsort.

Ich habe mir die Sendung die vollen 28 Minuten geben, aber schon nach 36 Sekunden war klar, dass dies keine seriöse Dokumentation werden würde. Vom Niveau her eher bei Boulevardsendungen angesiedelt. Mehr als beschämend, wenn deutsche Bürger dafür eine Haushaltsabgabe abdrücken müssen.

Nullaussagen zum Klimawandel

Wie es um das Verständnis von Wetter und Klima im deutschsprachigen Raum bestellt ist, sieht man unlängst wieder an diesem APA-Artikel, der etwa hier im Wirtschaftsblatt erschienen ist.

Schon der Teaser fasst die Nullaussagekraft des gesamten Artikels sehr schön zusammen:

Der Klimawandel macht auch vor Österreich nicht Halt. Künftig muss alle drei Jahre mit extremen Wetterereignissen gerechnet werden.

  1. Warum sollte der Klimawandel gerade Österreich ausschließen?
  2. Wie sind „extreme Wettereignisse“ definiert?

Das ist gleichzeitig die Krux des Artikels, denn hier geht es ausschließlich um versicherte Schäden.  Naturgemäß leben heute mehr Menschen in Österreich als vor 100 Jahren, es sind wesentlich mehr Flächen besiedelt, gleichzeitig ist sowohl die Zahl der versicherten Objekte als auch deren Wert deutlich gestiegen. Ein Wetterereignis wird heute also wesentlich höhere Schäden verursachen als vor 100 Jahren, beispielsweise großer Hagel an Wintergärten oder Gewächshäusern mit Glasüberdachung. Dafür muss nicht notwendigerweise die Zahl der Großhagelereignisse zunehmen.

Großflächige Sturmsysteme treten zwar seltener, dann aber extrem intensiv auf, zu sehen war das etwa beim Sturmtief Emma 2008.

Wo ist da ein Beleg für eine Zunahme? Dass ein Orkantief für Orkanböen sorgt, ist keine Folge des Klimawandels.

Von Schneedruck besonders betroffen sind die Nordalpen, der Böhmerwald im nördlichen Teil Oberösterreichs und Oberkärnten. Auch hier spielt die globale Erwärmung eine Rolle: in höher gelegenen Gebieten bleibt der Schnee liegen. Kommt dann eine Warmfront, entstehen die großen, schweren Schneelasten. Die Hochrisikozonen werden sich von Lagen in 600 bis 800 Meter Höhe auf Lagen über 800 Meter verschieben.

Das ist eben die große Unbekannte, denn in Oberkärnten sind extreme Schneefälle wie diesen Winter keine Seltenheit, sie kommen alle 50-75 Jahre vor. Meterhohe Schneemassen durchaus häufiger in etwas geringerer Intensität. Für die Nordalpen ist jedoch in den vergangenen Jahren der umgekehrte Trend festzustellen. Nordwestlagen werden deutlich seltener, insgesamt treten häufiger sogenannte Low-Index-Wetterlagen (d.h. keine straffe Westwetterlage, sondern blockierende Hochdrucklagen oder schwache Tiefdrucklagen) auf, im vergangenen Winter gab es beispielsweise keine einzige Nordwestlage! Entsprechend können sich dann auch keine großen Schneelasten aufbauen, wenn der Niederschlag ausbleibt und der Föhn den Schnee wegfrisst.  Ein Prototyp für erhöhtes Schneelastrisiko war der Nordwestlagenwinter 2005/2006, als im Spätwinter im Bayerwald Dächer unter den Schneemassen einstürzten. Seitdem ist dieses Szenario nicht mehr eingetreten.

Ein allgegenwärtiges Risiko stellt Hochwasser dar. Jahresniederschläge werden steigen, damit auch die Häufigkeit extremer Hochwässer. So kam es nach dem „Jahrhunderthochwasser“ 2002 bereits 2013 erneut zu drastischen Überschwemmungen, wenngleich Schutzverbauungen entlang der Donau sowie der mobile Hochwasserschutz eine spürbare Wirkung gezeigt hätten. Zunehmend entstehen auch Schäden fernab jeden Gewässers, etwa bei Murenabgängen.

Jahrhunderthochwasser heißt nicht, dass Hochwässer nur alle 100 Jahre auftreten. Wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte bzw. das Jahrhundert anschaut, kommt es im Schnitt alle 3-5 Jahre zu Hochwasser mit weiträumigen Überflutungen an größeren Flüssen (Donau: 2002, 2005, 2010, 2011, 2014). Völlig vernachlässigt wird hier auch die Rolle des Menschen, der durch Flächenversiegelung, Begradigungen und Schutzmaßnahmen Hochwasser begünstigt bzw. flussabwärts von Schutzverbauungen verschärft.

Schäden, die bei Murenabgängen entstehen, kann man kaum dem Klimawandel anlasten. Sie sind vor allem eine Folge des Terrains, denn stark geneigtes Gelände, verbunden mit Kanalisierung und Versiegelung, begünstigt starke, oberflächennahe Abflüsse.

Was der im Artikel eingeschobene Absatz über Erdbeben mit dem Klimawandel zu tun haben soll, erschließt sich mir erst recht nicht.

In Summe ein wenig aussagekräftiger Artikel, der allgemein bekannte Gefahren auflistet. Natürlich bedeutet eine steigende Globaltemperatur auch eine Zunahme absoluter Feuchte, womit tendenziell die Intensität von Starkniederschlagsereignissen heftiger wird. Die große Unbekannte in der Gleichung ist jedoch die Häufigkeit dieser Ereignisse, und diesbezüglich lässt sich gerade bei kleinräumigen und kurzlebigen Wettereignissen (Gewitter) kein Trend ausmachen.