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Hüttenwirte leiden unter Angst der Gäste vor Unwettern: Unglückliche Formulierung

Im ORF (abgerufen am 14.08.2016, 16.11), las ich einen Bericht zur schlechten Saison bei den Hüttenwirten in den Alpen.

Genau kommen sind zwei Passagen etwas kritisch zu sehen aus Sicht eines Meteorologen und Berggehers:

Schlechte Prognose hält Tagesgäste fern

Bei nasskalten Witterungsbedingungen und Wettervorhersagen bleiben viele Wanderer im Tal, so Hüttenwirt Lanthaler. Bei einem guten Wetterbericht seien es 50 bis 100 Tagesgäste und bei einem schlechten seien es gar keine.

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Denn in deutschsprachigen Ländern mangelt es im Gegensatz zu Großbritannien oder auch den USA an Wettervorhersagekompetenz. Und zwar nicht, sich Wettervorhersagen selbst zu machen, denn dafür gibt es den Beruf des Meteorologen, sondern wie man Wetterprognosen interpretiert, was Wahrscheinlichkeiten sind und auf welche Regionen sich Wetterberichte beziehen. In einem früheren Blogeintrag habe ich ausführlich beschrieben, wie man Wetterberichte richtig liest. Sowohl manche Hüttenwirte als auch viele potentielle Tages- und Übernachtungsgäste hören aber z.B. aus einem Ö3-Radiosender-Wetterbericht, der selten länger als zwanzig oder dreißig Sekunden dauert, („im Bergland entstehen einzelne Schauer oder Gewitter“) heraus, dass es genau bei ihnen an der XY-Hütte gewittern wird. Den ganzen Tag. Ich hatte darüber auch schon mit einem Hüttenwirt diskutiert, der genau dasselbe sagt. Ihm wäre am liebsten, die Meteorologen würden wortwörtlich „das Blaue vom Himmel lügen“, denn dann kämen immer noch mehr als bei einer Schlechtwetterprognose. Bei Prognose und Eintreffen gibt es die berühmte Matrix, was passiert, wenn eines von beiden nicht passt:

  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schönwetter (= alle zufrieden).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schlechtwetter (= auch ok, keiner kommt, aber damit war zu rechnen).
  • Prognose ist Schönwetter. Es gibt Schlechtwetter (Hüttenwirt zufrieden, Gäste unzufrieden, kommen aber trotzdem).
  • Prognose ist Schlechtwetter. Es gibt Schönwetter (worst case, Gäste bleiben aus, Hüttenwirt unzufrieden).

Das ist jetzt aus streng wirtschaftlicher Sicht gedacht. Hier fließt auch nicht ein, dass sich z.B. Ö3- oder Ö1 oder ORF-Wetterbericht gar nicht auf die Region um Hütte XY beziehen, sondern auf ganz Österreich, und dass regionale Sender geeigneter wären, das lokale Wetter abzuschätzen. Wenn wir uns jetzt aber die zweite Passage anschauen …

Je länger der Zustieg sei und je abgelegener die Hütte sei, umso mehr leide sie darunter, dass die Leute vor Gewittern und Unwettern Angst haben.

… dann wäre ich als Bergretter froh, wenn die Leute etwas mehr Angst vor Unwettern haben und nicht bei einem drohenden Wettersturz trotzdem auf die Hütte kommen, nur weil sie dort reserviert haben (absagen sollte man natürlich schon, denn es könnte bei der Anreise/Aufstieg was passiert sein). Es passieren dennoch genügend Unfälle mit Todesfolge aus Selbstüberschätzung im Gelände bei widrigen Bedingungen (siehe vorherigen Blogeintrag). Also ja: bitte habt Angst, denn die obige Matrix könnte auch so aussehen:

Meteorologen sagen Schönwetter voraus, um Hüttenwirte nicht zu verärgern. Es kommt aber Schlechtwetter und bringt die Gäste bei Aufstieg oder weiteren Touren in Lebensgefahr. Das kann nicht der Sinn einer Wetterprognose sein! Und auch ich als Meteorologe könnte mit einer wissentlichen Fehlprognose nicht leben, wenn sie mehr als eine Person dadurch in Gefahr gebracht hat. Berge zeigen zum Glück nur ein geringes Fluchtverhalten, Hütten stehen gerade in hochalpinem und anspruchsvollem Gelände auch bei Schönwetter noch da.

In einem gebe ich den Hüttenwirten aber Recht, weil ich es selbst schon beobachten konnte: Eine ganze Gruppe von Tagesgästen belagert die Hütte. Plötzlich zieht ein kurzer Regenschauer durch, es schüttet für zehn Minuten. Fluchtartig verlassen alle die Hütte und eilen ins Tal hinunter. Es fehlt an Geduld und das hängt – wie oben erwähnt – mit mangelnder Kompetenz beim Interpretieren der Prognose zusammen. Bei einem drohenden Wettersturz ist Eile sehr wohl angebracht. Bei einzelnen Schauern kann man dagegen durchaus die Muße erlernen, sitzenzubleiben, abzuwarten und danach wieder die Sonne genießen.

Und ebenfalls ja: Sofern keine Unwetter angekündigt sind und man Wandern bei widrigen Bedingungen gewohnt ist, steht auch einer Hüttentour bei Schlechtwetter nichts im Wege. Gerade ein Sommer wie 2016 oder zuvor 2014 zeigt, dass man gar nicht mehr in die Berge gehen dürfte, wenn Schönwetter Voraussetzung wäre. Es gibt aber Schlechtwetter, bei denen Bergtouren für unerfahrene oder nur gelegentliche Wanderer (und auf die zielt der Artikel ab) ein No-Go sind: Dazu zählen verbreitet auftretende Gewitter und der Wetterumschwung. Gutartiges Schlechtwetter sind dagegen „einzelne Schauer“, Regen ohne dauerhafte Sichttrübung oder Übergang in Schneefall oder allgemein niedrige Temperaturen – immer abhängig von den eigenen Fähigkeiten und nicht nur von der Ausrüstung!

Der Wiener Lurcheffekt

Beispiele für den „Wiener Lurcheffekt“ aus den Jahren 2016 und 2024

In Österreich verwendet man Lurch ugs. für „Ansammlung von Hausstaub“, „unter den Möbeln liegt der Lurch“, in Deutschland Staub- oder Wollmaus genannt. Jedenfalls etwas, das man nicht haben will, das zuwider ist. Ein befreundeter oberösterreichischer Meteorologe, der lange in Wien gelebt hat, assoziierte damit die Nachteile der Großstadt: Dreck, Staub, Lärm, Verkehr, dichte Bebauung. Daraus entstand die Wortkreation „Wiener Lurcheffekt“ – die Situation, wenn Gewitter aus allen erdenklichen Gründen die Hauptstadt meiden wie der Teufel das Weihwasser, als ob sie die Großstadt abstoßender finden würden als die ländliche Umgebung.

Das erste Mal erwähnte ich hier den Wiener Lurcheffekt am 27. Juli 2016. Dieser Beitrag findet dank diverser Verlinkungen auf Social Media bis heute große Reichweite, wenn man nach „Lurcheffekt“ sucht. Nach rund zehn Jahren kann ich den Beitrag mit ein paar Beispielen aufdröseln und entsprechend anschaulicher machen. Manche beschriebene Wetterlagen scheinen zugleich seitdem deutlich seltener geworden zu sein – in meinen Augen bereits erste Auswirkungen der Klimaerwärmung.

zweites Update, 18. Juli 2026

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Blitze erklären (zu) leicht gemacht

Als Abonnent der Wiener Wochenzeitung FALTER lese ich immer wieder gerne und kritisch die Rubrik 7 Sachen, in der Ausgabe 31/15 (erschienen am 29. Juli 2015 in der Print-Ausgabe) wird auf Seite 33 über 7 Sachen geschrieben, „die Sie über BLITZE eventuell nicht wussten“.

Nr.2 dreht sich um die Frage, wie Blitze entstehen:

Durch starke Winde entsteht in Gewitterwolken Reibung. Deshalb bilden sich zwei entgegengesetzte Pole, die sich immer stärker aufladen. Wird die Spannung zu groß, blitzt es.

Hier fehlt ein entscheidendes Element, nämlich: Was wird aufgeladen?

Die Luft? Regentropfen? Der Erdboden? Wolkentröpfchen?

Zutreffend bemerkt handelt es sich – na no na net – um Gewitterwolken, also Cumulonimbuswolken, die vertikal so mächtig sind, dass überhaupt eine Ladungstrennung stattfinden kann.

In einer späteren Gewitterwolke steigt warme Luft nach oben, kühlt sich ab, kondensiert und bildet Regentropfen bzw. Wassertröpfchen. Sind die Aufwinde stark genug, dann gelangt feuchte Luft bis in große Höhen und bildet Eiskristalle. Hält der Nachschub an Wassertröpfchen an, dann lagern sich diese an den Eiskristallen an und verklumpen diese: Es bildet sich Graupel. Wenn die Graupelkörner zu groß bzw. zu schwer für den Aufwind werden, fallen sie nach unten. Dabei reiben sie sich gegen kleinere, positiv geladene Eiskristalle und werden negativ aufgeladen (Ladungstrennung), aber nur wenn die Umgebungstemperatur zwischen -10°C und -20°C liegt. Bei wärmerer Luft (d.h. in tieferen Schichten) werden die Graupelkörner positiv aufgeladen.

Die Ladungstrennung (Spannung) entsteht, weil sich im mittleren Teil der Gewitterwolke ein negativ geladener Bereich entwickelt, und die leichteren Eiskristalle an der Wolkenoberseite eine positive Ladung erzeugen.

Im Anfangsstadium des Gewitters entlädt sich die Spannung zwischen der Schicht mit der größten negativen Ladung und der positiven Zone weiter oben. Im Reife- und Auflösungsstadium findet der Ladungsausgleich zwischen negativer Ladung in der Wolke und positiv geladenem Erdboden statt.

Quellen:

http://www.metoffice.gov.uk/learning/learn-about-the-weather/thunder-and-lightning

Robert Houze Jr., Cloud dynamics, 1993, Academic Press, Kapitel 8.1. Small Cumulonimbus Clouds, S. 271-273

Ein wenig seltener, aber oftmals charakteristisch für das Ende des Gewitters treten die gefürchteten positiven Blitze auf, wenn der Boden nach dem Regen negativ(er) geladen ist, aber von der positiv geladenen Wolkenoberseite ein Blitz einen weiten Weg zum Erdboden zurückgelegt. Entsprechend wird eine besonders große Ladungsdifferenz erreicht und besonders stromstarke Blitze. Diese sind in der Lage, Zerstörungen an Gebäuden, an der Vegetation anzurichten, und können sogar ganze Felsblöcke heraussprengen.

Entsprechend ist die Chance, einen positiven Blitz zu überleben noch geringer als einen negativen Blitz:

Am 8. August 2011 wurde ein deutsches Paar bei einem heftigen Gewitter in Südtirol im Bereich der Wilden Kreuzspitze vom Blitz getötet. Durch die Wucht des Einschlags wurden sie 20 m in die Tiefe geschleudert, es riss dabei auch einen Felsblock heraus. Einem Wanderer wurde sogar der Arm abgerissen.

Zudem schlagen positive Blitze mitunter schon deutlich vom Niederschlagsbereich entfernt ein, manchmal kann es sogar der sprichwörtliche „Blitz aus heiterem Himmel“ sein, 10-20 km vom eigentlichen Gewitter entfernt! In den USA ist die Hälfte der Todesopfer auf einen Einschlag nach Abzug des Gewitters zurückzuführen.

Zurück zur obigen knappen Erklärung im FALTER: Hier sind nicht starke Horizontalwinde gemeint, denn Blitze gibt es auch bei ortsfesten Gewitterwolken, sondern starke Vertikalwinde. Bevor hier aber etwas aneinander reiben kann, müssen erst unterkühlte Wassertröpfchen an den Eiskristallen festfrieren, der entstehende Graupel zu Boden fallen, und sich DANN dabei an den verbleibenden Eiskristallen reiben. Strenggenommen ist also die Schwerkraft für die Reibung verantwortlich, und nicht der Wind.

Und Nr. 4?

Ist man im Freien, sollte man versuchen, nicht der höchste Punkt des Geländes zu sein. Der Blitz schlägt immer in den höchsten Gegenstand der Umgebung ein. Schon in die Hocke gehen, kann da helfen.

Zwar schlägt der Blitz in der Mehrzahl der Fälle in exponierte Stellen oder Objekte ein, weil diese die Distanz zwischen Wolke und Boden verringern, doch trifft dies nicht immer zu. Dazu gibt es auf einer amerikanischen Stormchaser-Seite ein paar nette Beispiele, wo ersichtlich wird, dass Blitze keineswegs nur in den höchsten Punkt einschlagen.

Der Grund dafür ist, dass der absteigende Blitz bis knapp vor dem Einschlag (rund 15-30 m oberhalb) „blind“ für die Objekte ist. Es ist also keineswegs so, dass der Blitz weiß, wo sich die exponierten Stellen befinden. Deswegen sollte man sich nicht automatisch in Sicherheit wähnen, wenn sich in der Umgebung höhere Objekte oder Geländepunkte befinden!

In die Hocke gehen klingt sinnvoll, wenn man sich auf einer Wiese befindet. Bestenfalls handelt es sich um eine Mulde oder einen Graben. Dabei sollte man aber mindestens zwei Dinge beachten:

  • 1. Beine eng beisammen, um die Schrittspannung zu reduzieren!
  • 2. Möglichst keinen wassergefüllten Graben bzw. eine Lacke aufsuchen. Denn bei einem entsprechenden Einschlag leitet das Wasser den Strom dann durch den Körper, und bei einem direkten Treffer wird man zum Blitzableiter.

Weitere Verhaltensregeln 

Starkregen, Hagel und Sturmböen

Es sind sogar Unwetter mit Starkregen, Hagel und Sturmböen möglich.

Diesen Satz liest oder hört man derzeit oft in den Wetterberichten. Aber wie viel Beunruhigung lässt das auf den Durchschnittsbürger noch aus, wenn nahezu jedes Gewitterrisiko mit dieser Triade an Gefahren ergänzt wird? Und was ist überhaupt ein Unwetter?

In den USA versteht man unter einem severe (convective) storm eine schwerwiegende Störung des atmosphärischen Zustands, die nach den dort gültigen Kriterien mit wenigstens 2 cm großen Hagel und Böen über 90 km/h verbunden ist. Auch die ehrenamtlich agierenden europäischen Unwettervorhersager von ESTOFEX (European Storm Forecast Experiment) sagen bei Erfüllung dieser Kriterien Unwetter vorher.

Nun stellt sich umgekehrt die Frage:

Kann ein Gewitter mit Starkregen, Hagel und Sturmböen denn kein Unwetter sein?

Für denjenigen, der ins Gewitter gerät, ist wohl die Mehrzahl der Gewitter ein Unwetter, oft an der Häufigkeit und Stärke der Wolke-Erde-Blitze festgemacht (je lauter und häufiger und näher es kracht, desto eher wird es als Unwetter empfunden), selbst es weder besonders kräftig geregnet, gehagelt oder gestürmt hat. Die Lautstärke ist allerdings subjektiv, hängt nämlich vom Standort des Beobachters ab.

Objektive Größen sind die Regenmenge, die Hagelgröße und -menge sowie die Windgeschwindigkeit.

1. Starkregen

Nahezu jedes Gewitter, sofern es nicht nach je einem Blitz und Donner wieder in sich zusammenfällt, bringt Starkregen hervor, ausgenommen etwa im Landesinneren von Australien, wo es sogenannte „trockene Gewitter“ gibt, die höchstens kräftige Windböen und Erdblitze produzieren. Es gibt prädestinierte Wetterlagen mit schwacher Luftströmung und hohem Wassergehalt der Atmosphäre, wo intensiverer Starkregen als sonst auftritt.

2. Hagel

Ebenso tritt zumindest tagsüber bei vielen Gewittern Hagel auf, wenngleich die allgemeine Aussage „Starkregen, Hagel und Sturmböen“ hier weder etwas über die zu erwartende Größe noch über die Menge aussagt.

Es macht für den Leser oder Hörer einen Unterschied, ob maximal 1 cm Hagel, 5 cm Hagel oder gar 10 cm großer Hagel zu erwarten ist. Bei 1 cm entstehen maximal geringe Schäden im Garten, bei 5 cm werden Gewächshäuser und Autodächer demoliert. Bei 10 cm (und schon darunter) besteht die Gefahr von Kopfverletzungen, schwerer Schäden an Dächern, Autos und allgemein Glasfassaden.

Ebenso macht es einen Unterschied, ob das Gewitter schnell zieht, gelegentlich ein paar Hagelgeschosse abwirft, oder langsam zieht und reichlich kleinen Hagel bringt, der die Kanalisation verstopft und dadurch Überflutungen verursacht. Viel kleiner Hagel maximiert nämlich noch das Überflutungsrisiko bei Starkregen, bedeutet aber für den Anwohner, dass er sein Auto nicht in die Garage fahren muss.

3. Sturmböen

Bleiben die Sturmböen übrig. Da hängt es zunächst mal davon ab, ab wann Sturmböen definiert sind. Im Mittel beginnt Sturm ab 75 km/h, von Sturmböen spricht man jedoch bereits ab 60 km/h. Diese hat man bei einem normalen Sommergewitter schnell mal erreicht.

Außergewöhnlich wird es erst, wenn die Gewitter sehr schnell ziehen und/oder bei entsprechender Tageserwärmung eine starke Abkühlung bringen, wobei verdunstender Hagel förderlich ist. Dann hat man durchaus Böen über 80, 90 km/h, in markanten Fällen über 100 km/h. An einer Gewitterlinie können flächendeckend 100-130 km/h drin sein, bei Winterstürmen und Schwergewitterlagen allgemein stellenweise auch 200 km/h und mehr.

Was hat der Sturm für Auswirkungen?
Bei 60 km/h weht es vielleicht einen Blumentopf um, bei 80 km/h können schon Äste abbrechen und Gartenstühle umfliegen, bei 120 km/h werden Bäume entwurzelt, Dächer beschädigt usw.

Ganz selten hört man bei den hiesigen Wetterberichten vom Zusatz „schwere Sturmböen“ oder gar „Orkanböen“. Es ist also nicht immer klar, ob die Sturmböen im Wetterbericht eher im 60-km/h-Bereich oder gar im potentiellen 90-100 km/h-Bereich angesiedelt sind. Der Unterschied entscheidet, ob man Vorkehrungen treffen muss, ob man in den Wald zum Joggen kann (sollte man bei Gewitter allgemein unterlassen) und ob man ein Grillfestl unterm Pavillon feiern kann, ohne dass dieser davongerissen wird.

Gewitter oder Unwetter?

Ein Unwetter ohne Starkregen, Hagel ODER Sturmböen, oder ohne alle drei? Schwer denkbar, insofern ist die Aussage „Unwetter mit Starkregen, Hagel, Sturmböen“ bereits redundant. Viel wichtiger wäre in meinen Augen zu betonen, welche Gefahr dominiert.

  • Bei langsam ziehenden Gewittern oder großen Gewittersystemen ist das der Starkregen.
  • Bei trockener Luft am Boden, Hagel, enorm hohem Wassergehalt, Winterstürmen, Gewitterlinien und einzelnen, heftigen Gewittern ist das der Sturm.
  • Bei feuchtheißer Luft ist es großer Hagel.
  • Und wenn die Luft bodennah feucht ist, der Wind mit der Höhe rasch zunimmt und dabei die Richtung ändert, können auch Tornados entstehen.

Ja, es gibt Gewitterlagen, bei denen alles möglich ist. Das sind häufig aber auch jene Lagen, bei denen die Extreme bei allen Gefahren ausgereizt werden, d.h., dann kann der Hagel groß werden, sich der Sturm zum Orkan steigern, und dann sollte man das auch textlich unterbringen.

Wenn man aber bei jeder Gewitterlage nur den Zusatz „Starkregen, Hagel und Sturmböen“ bringt, aber jeweils nur ein oder zwei Gefahren davon eintreffen (im Schnitt), dann stumpft das den Konsumenten des Wetterberichts auf Dauer ab, und er kann nicht einschätzen, ob die Hagelgefahr seinen Gemüsegarten gefährdet und der Sturm den Gartenpavillon.

Die Mär vom unerwarteten Wettersturz

Es gibt charakteristische Wolkenanzeichen für aufziehende Gewitter, die auch ein Laie bemerken kann, wenn er aufmerksam den Himmel beobachtet und die Windströmungen erkennt.

1. Die Überraschung: 16. August 2010, Haller Mauern

Zuerst ging es in die Hohen Tauern, später für zwei Tage in die Haller Mauern, um den Hexenturm (2172m) zu besteigen. Schon die Tage davor war das Wetter unbeständig, Schauer und Gewitter hielten von größeren Touren ab. Ich konnte nicht mehr in die Wetterkarten schauen, hatte aber für die Folgetage eine Südföhnlage im Kopf.

Tatsächlich baute sich am 16. August eine Gewitterlage mit durchziehender Kaltfront auf.

(Bildbeschreibung jeweils von links oben (LO) nach rechts unten (RU))

hallermauern

LO: Altocumulus stratiformis um die Mittagszeit, die ersten Vorboten für Hebung im mittleren Niveau. Diese Wolkenart entsteht nie durch Sonneneinstrahlung, sondern ausschließlich durch großräumige Tiefdruckprozesse. Sie zeigt an, dass genügend Feuchte in der Schicht vorhanden ist, wo Gewitterwolken die stärksten Aufwinde erreichen.

RO: Aufziehende Nebelwolken westlich des Standpunkts, wahrscheinlich durch abgekühlte Niederschlagsluft verursacht. Die Frontgrenze befand sich zu diesem Zeitpunkt wenige Kilometer nördlich von uns.

LU: Rückkehr zum Admonter Haus, wir brechen vorzeitig ab, weil Nebel aufzieht. Davor wehte böiger Südwind, der den Nebel immer nordseitig des Sattels in Schach hielt. Plötzlich starker Nordwind, der den Nebel auf die Südseite treibt. Das Gleichgewicht wurde gestört.

RU: Nach dem Gewitter. 1-2 cm Hagel, stürmische Böen, starker Regen. Das war nicht das Schlimmste, sondern die nahen Blitzeinschläge. Wir stehen auf, blauer Himmel zu sehen. Plötzlich ein Naheinschlag, vielleicht 100 m entfernt. Ein positiver Blitz aus der Rückseite des Amboss.

2. Die Erkenntnis: 18. August 2011, Schneeberg

Ein Jahr später. Nach 2004 (ebenfalls Gewitter in der Nähe) meine zweite Schneeberg-Besteigung. Ein zufällig getroffener Mitwanderer sagt in der Früh „blauer Himmel, da passiert heute nichts.“

Tatsächlich hatten die Wettermodelle die Lage nicht vorhergesehen. Zwar wurde ein kleiner Trog gerechnet, aber kein Niederschlag. Bodennah zeigten hochaufgelöste Modelle ein konvergentes Windfeld. Nordwinde in den niederösterreichischen Voralpen, der typische heiße Südostwind am Alpenostrand. Im Rax-Schneeberg-Gebiet strömte die Luft zusammen, wird gezwungen aufzusteigen und Quellwolken zu bilden.

Die Atmosphärenschichtung ist, wie sich später zeigen wird, zwar im Flachland stabil geschichtet, im Gebirge mit höherem Feuchteangebot genügt jedoch ein winziger Schubser, um ein Luftpaket ungehindert aufsteigen zu lassen.

schneeberg

LO: Beim Aufstieg ab Losenheim herrscht blauer Himmel, aber bereits gegen halb zehn werden weit über 20 Grad gemessen. Die Luft ist drückend schwül.

RO: Ausgedehnte Altocumulusbänke schieben sich über den Himmel. Anzeichen für Hebungsantrieb, der so intensiv nicht prognostiziert wurde. Erste kleine Quellwolken entstehen. Später sieht man auch Föhnwolken, sie zeigen die Richtung an, in die sich die Gewitterwolken später verlagern werden.

LU: Cumulus congestus gegenüber bzw. knapp hinter der Raxalpe. Es ist Mittag. Ich raste am Gipfel viel zu lange, bemerke das Unheil erst, als es zu donnern beginnt. Da bin ich schon am Abstieg vom Gipfel. Ich suche im Zahnradbahntunnel Schutz. Spätere Nachforschungen werden ergeben, dass die Erdblitze links und rechts des Abstiegswegs einschlugen.

RU: Links ein zweites Gewitter, das mich aber nicht mehr erreicht hat, rechts das erste Gewitter.

3. Das Risiko: 20. September 2014, Wechsel

Dieses Mal wurden die Gewitter vorhergesagt. Wir wählen daher eine kurze Aufstiegsroute mit vorzeitigen Abbruchmöglichkeiten. Und ich kann lehrbuchhafte Anzeichen hautnah miterleben.

wechsel

LO: Über dem Steirischen Hügelland entstehen winzige, vertikale Türmchen aus den Quellwolken. Sie zeigen an, dass bodennah genügend Feuchte vorhanden ist. Auch in der Höhe ziehen mittelhohe Wolken durch.

RO: Föhnwolken, Quellwolken und hohe Wolken: In allen Höhenschichten ist genug Feuchte vorhanden.

LU: Mächtige Quellwolken über der östlichen Wechselregion bis Günser Gebirge.

RU: Während wir am Niederwechsel vorbeigehen, entsteht 2 km nördlich von uns eine Gewitterwolke. Sie kreiselt immer schneller über dem Talboden, die Kontraste verschärfen sich. Die Aufwindwolke ist weiß, nach unten ausgefranst. Wenig später donnert es, wir flüchten zum Auto hinunter. Die meisten Blitze schlagen dort ein, wo die Gewitterwolke steht, aber zwei Blitze auch auf unserer Seite (auf der anderen Seite des Kamms).

Zusammenfassung: 

Ob vorhergesagt oder nicht, in allen Fällen ist in den Morgenstunden oder im Laufe des Vormittags Altocumulus zu sehen, mittelhohe Wolken als floccus, stratiformis oder castellanus ausgeprägt (Aussehen: siehe Karlsruher Wolkenatlas). Sie entstehen typischerweise wenige Stunden (2-7 Std.) vor der Gewitterbildung. Zinnenförmig nach oben wachsend ist dabei ebenso warnend wie ausgedehnte flache Bänke.

Hat man Quellwolken und Altocumulus in Kombination, ist Feuchte bodennah und in mittleren Höhen vorhanden, ebenso Labilität und Hebung. Föhnfische (Altocumulus lenticularis) bedeuten in dem Fall keine Abschwächung des Gewitterrisikos, sondern aufsteigende Luftströmungen im Luv des Gebirges und verstärkte Hebung.

Wird man trotzdem vom Gewitter überrascht, hat man die Anzeichen dafür übersehen.