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Hurrikan Harvey – Mythos und Fakten

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Hurrikan Harvey am 25. August 2017 um 17:18:25 UTC, Cat 4 Stadium,

Quelle: http://weather.cod.edu/satrad/exper/?parms=meso1-13-24-0

 

In der ersten ORF-Meldung zu Harvey ist von zu erwartetem Extremniederschlag keine Rede, sondern es wird sich auf den Sturm fixiert.

Darum wieder einmal eine Klarstellung zu Hurrikan-Gefahren!

Ohne Zweifel sind Spitzenböen bis 200 km/h und mehr sehr gefährlich, decken Häuser ab und lassen die typisch amerikanischen Leichtbausiedlungen wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen.  Viel gefährlicher sind jedoch die begleitenden Regenbänder, die schauerartig und gewittrig extrem verstärkt werden. Sie beziehen ihren extremen Wassergehalt vom warmen Golfwasser, dessen Temperaturwerte im übrigen vor der Entstehung des Hurrikans und auch kurz vor der Cat-4-Phase zwar leicht über dem Durchschnitt lagen, aber nicht extrem über dem Durchschnitt lagen!

anoma.8.21.2017

anoma.8.24.2017

Oberflächenwassertemperaturen (Abweichungen vom Durchschnitt) am 21. und 24. August 2017 in der Karibik

Quelle: http://www.ospo.noaa.gov/Products/ocean/sst/anomaly/

Im neuesten Wetterballonaufstieg von Lake Charles, etwa mittig zwischen Houston und New Orleans gelegen, sind die Ursachen für die hohen Regenmengen erkennbar:

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Radiosondenaufstieg vom 27. August 2017, 12 UTC

Bis rund 6000m Höhe überwiegt ein starker Südostwind, somit kommt weiterhin feuchte und – naturgemäß in der Hurrikan-Zirkulation sehr labil geschichtete Luft – direkt vom Golf von Mexiko. Der Wassergehalt beträgt 62 Liter pro Quadratmeter, wenn man die gesamte Luftsäule ausfällen würde. Und das passiert derzeit zeitweise stündlich!

Am 27. August, 16.56 UTC meldeten 20 Flusspegel ein schweres Hochwasser:

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Pegelmeldungen am 27. August 2017, 18.56 MESZ

Quelle: http://water.weather.gov/ahps2/index.php?wfo=hgx

Die Ähnlichkeiten zu Hurrikan Katrina sind frappierend. Auch hier wurden die verheerendsten Schäden durch das nachfolgende Hochwasser verursacht. Ein schnellziehender Hurrikan verursacht zwar starke Sturmschäden, aber die Verweildauer der Niederschlagsgegebiete ist gering. Viel gefährlicher sind langsam ziehende oder gar ortsfeste Systeme mit geringem Sturmpotential, aber langer Verweildauer der Niederschlagsgebiete! Das betrifft Gebiete, die so viel Regen in kurzer Zeit nicht gewöhnt sind oder wo sowohl landschaftlich als auch baulich kaum Überschwemmungsgebiete vorhanden sind, stärker als andere Gebiete, wo das regelmäßiger passiert und die Bewohner entsprechend vorbereitet sind, wenn sie nicht in Ländern mit geringer Infrastruktur leben (Indien, Bangladesch, Südostafrika).

Verursacht wurde die rasche Intensivierung und nun lange Verweildauer durch geringe Höhenwinde, ausreichend warmes Oberflächenwasser im Golf von Mexiko mit 28-30°C kurz vor der  Cat-4-Phase (Quelle: http://www.aoml.noaa.gov/cgi-bin/trinanes/searchmaps2.cgi?month=8&day=24&year=2017

Ist Harvey ein Produkt des Klimawandels?

Ich weiß, es juckt jeden von uns in den Fingern, dem Klimawandelleugner Trump eins reinzudrücken. Meine Meinung als Wissenschaftler ist dazu jedoch gespalten, ich halte Tornados und Hurrikane als kurzlebige, hochgradig nichtlineare Wetterphänomene nicht für geeignet, um damit den Klimawandel zu argumentieren.

Wer erwartet, dass ich die Beteiligung des Klimawandels hier ausschließen kann, wird enttäuscht werden. Das kann ich nicht, aber ich kann ein paar Gründe nennen, weshalb die Entwicklung und die Auswirkungen von Harvey nicht sooo ungewöhnlich sind:

Es ist erst der siebte Hurrikan dieser Intensität seit Aufzeichnungsbeginn 1851, der an Land geht. Der letzte Cat-4-Hurrikan, der Texas traf, war am 11. September 1961 Hurrikan Carla. Der letzte Hurrikan ähnlicher Intensität, der im Golf von Mexiko Landfall beging, war Hurrikan Katrina als Cat 5 Ende August 2005. Spricht nicht zwingend für eine Häufung intensiver Hurrikane!

Landfall-Hurrikane sind statistisch übrigens wesentlich zuverlässiger dokumentiert, weil erst seit 1964 ausreichend und flächendeckende Satellitenmessungen vorhanden sind.

Die beeindruckend hohen, noch nie dagewesenen Regenmengen könnte man von der leicht erhöhten Oberflächenwassertemperatur ableiten (etwa 0,5 bis 1°C über dem Schnitt), aber – in meinen Augen bedeutender – von der Ortsfestigkeit des Tropensturms! Er bewegt sich nur sehr langsam landeinwärts, was an hohem Luftdruck über dem Westen der USA liegt. Dieses blockiert regelrecht die Vorwärtsbewegung. Die potentielle Verweildauer ist enorm. Durch die sehr labilen Luftmassen bilden sich immer wieder langsam ziehende, aber intensive Regenbänder mit extremen Niederschlagsraten.

Bis heute ist nicht vollständig verstanden, warum sich Hurrikane innerhalb kürzester Zeit extrem vertiefen können (Beispiel: Hurrikan Andrew im August 1992: 72 hPa Druckfall in 24 Stunden).

In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Oberflächenwassertemperatur in den Tropen um 0,25 bis 0,5°C an (Messbefund). Es gibt keine direkte Korrelation zwischen Oberflächenwassertemperatur und Intensität eines Tropensturms.

Weitere Gegenargumente:

  • Datenverlässlichkeit ist inkonsistent: Mittelwind und Kerndruck werden operationell bestimmt. Je nach Methode (Dvorak 1967, Koba 1969) gibt es Intensitätssprünge (höhere oder niedrigere Kategorien).
  • Erfassung ist inkonsistent, da sich die Technik verbessert (seit 1948 Aufzeichnungen), dadurch werden stärkere Stürme besser erfasst
  • Große Dunkelziffer an „fish storms“: vor der Satellitenbeobachtung ab 1964 wurden nur Landgänge erfasst, ca. ein Drittel aller Stürme erreicht nie das Land.
  • Windscherung ist eine viel fundamentalere Größe, was die Tropensturmentstehung betrifft (KLOTZBACH 2006^1).
  • 60 Jahre Daten sind statistisch nicht signifikant, da es möglicherweise lange periodische Schwankungen gibt, die sowohl ozeanische als auch atmosphärische Ursachen haben (z.B. El Niño) können.
  • Je nach Region ist die Zahl der Tropenstürme hochvariabel

 

^1: Klotzbach, P. J. (2006), Trends in global tropical cyclone activity over the past twenty
years (1986–2005), Geophys. Res. Lett., 33, L10805, doi:10.1029/2006GL025881.

Was spricht dafür? Durch die globale Erwärmung nimmt die absolute Feuchte zu, wodurch theoretisch mehr Energie zur Verfügung steht. Praktisch ist aber der Einfluss der Höhenwinde wichtig, der darüber bestimmt, ob ein Tropensturm zum Hurrikan wird und wie langlebig er wird, ebenso wie langsam oder schnell er zieht.

 

In Summe ist Hurrikan Harvey also kein gutes Beispiel, um den Klimawandel aufzuzeigen. Dafür gibt es dutzend andere gute Beispiele. The American People may look at the widespread wildfires in Canada, the heavy ice melting processes in the Arctic regions as well as retreating glaciers in the alpine Region. There is plenty of evidence given, you don’t need tropical storms to argue for that. You may see Harvey, however, as a possible glance into the future how the unavoidable increase of sea levels may affect coastal areas. Storm surges will be much more powerful than before. I could argue nonscientific and say, ok, take the storm as a sign for climate change. Obviously, you need catastrophic weather events to be convinced that climate change is actually happening right now! And completely irrespective of climate change, the world’s inhabitants do not treat their home very well! Pollution, densely-built-up areas, concrete channels and burning gas and oil will not help. Earth’s  ressources are not endless.

Hurrikan-Entstehung und Gefahr für Europa?

Zu diesem Zeit-Interview mit dem Klimaforscher Levermann (abgerufen: 10.10.16) über Hurrikan Matthew möchte ich gerne ein paar Ergänzungen hinzufügen:

  1. Hurrikan-Entstehung

Ein Hurrikan ist im Grunde genommen nichts anderes als ein riesiges, rotierendes Gewittersystem.

Levermann: Erste Voraussetzung ist ein warmer Ozean ab 26 Grad Celsius Wassertemperatur.

 26 Grad sind keine fixe Untergrenze, entscheidend ist nämlich der vertikale Temperaturunterschied. Die absolute Temperatur hat lediglich Auswirkungen auf die Intensität des Sturms.

Dazu kommen dann Scherwinde; hier bewegen sich die untere Lage in die eine, die obere in die andere Richtung.

Ist für mich unklar, ab wann die Scherwinde hier eine Rolle spielen. Wenn es um das Anfangsstadium geht, existieren zwar schwache Passatwinde, die zur Verdunstung des Ozeanwassers führen, jedoch sollte die Windscherung hier möglichst gering sein, weil sonst die Gewitterwolken zu stark „ventiliert“ werden (zu starke Durchmischung und Abtrocknung). Im späteren Stadium (am Weg zum Hurrikan) strömt die Luft bodennah Richtung Zentrum des Sturms, wird gehoben und am Oberrand des Sturms seitlich wieder hinausbefördert. Dann bewegen sie sich „in der unteren Lage“ hinein, und „in der oberen Lage“ hinaus (auch „In-Up-and-Out-Prinzip“ genannt).

Diese Winde nehmen die Energie des Wassers auf, es bildet sich Wasserdampf, der herumgewirbelt wird und sich – je nach zur Verfügung stehender Energie – verdichtet und zum Wirbelsturm heranwächst.

Im Klartext gesprochen: Wasser verdunstet, es bilden sich Wolken, bei ausreichend Energie hochreichende Gewitterwolken, die sich zum Gewittersystem ausdehnen. Bevor daraus allerdings ein Wirbelsturm wird, fehlt noch eine entscheidende Zutat: die Corioliskraft versetzt das System in Drehung. Mit zunehmender Lebensdauer dominiert die Zentrifugalkraft (gilt für das Auge und die Augenwand).

Die Hälfte der atlantischen Hurrikane entsteht durch große Gewittersysteme, die von Westafrika mit dem Passatwinde aufs offene Meer hinausziehen, die andere Hälfte entsteht in der Karibik. Nach einer gewissen Zeit beginnt die Corioliskraft zu wirken und versetzt das System in Drehung, ein tropischer Sturm entsteht.

ZEIT ONLINE: Werden sie sich auch ausbreiten? Sprich: Gibt es künftig Hurrikane in Europa?

Levermann: Wenn es auf dem hufeisenförmigen Pfad im Nordatlantik nicht mehr kälter wird, die Stürme sich also nicht abschwächen, dann ist eine Hurrikan-Saison in Europa irgendwann in Zukunft rein theoretisch möglich. Sie verlieren dann ihren Charakter als „tropische Stürme“, weil sie dann weit entfernt vom Äquator sind und sich die Physik dort ändert. Aber dass solche Stürme häufiger als jetzt nach Europa kommen, ist wahrscheinlich.

 Was man vielleicht dazu sagen sollte:

Die Wassertemperatur alleine entscheidet nicht, ob Hurrikane zum Major oder gar Cat-5-Hurrikan werden, sondern auch, wie kräftig die Windscherung in der Höhe ist. Das hufeisenförmige Abdrehen von Tropenstürmen auf dem Nordwestatlantik nach Nordosten wird auch als recurvature bezeichnet. Es wird durch die Höhenströmung begünstigt.

Typischerweise nimmt die Höhenströmung auf dem Nordatlantik im Bereich der Jetstreams jedoch stark zu und verhindert damit, dass ein Hurrikan unter Beibehaltung seiner tropischen Eigenschaften auf Europa trifft („Physikänderung“).

Es gibt jedoch drei Ausnahmen von dieser Regel:

  1. Außertropische Umwandlung eines Tropensturms in ein Sturmtief:

Meist drehen die Hurrikane in der Region von Florida nach Nordosten ab und gliedern sich zwischen Neufundland und Azoren, seltener auch im Bereich der Kanarischen Inseln, wieder in die Frontalzone ein. Es bilden sich nachfolgend Frontensysteme aus, der Tropensturm wird damit zum gewöhnlichen Sturmtief der gemäßigten Breiten. Die tropischen Eigenschaften bleiben dennoch vorhanden, weil sehr viel latente Wärme freigesetzt werden kann und Schauer/Gewitterwolken entstehen.

Diese Umwandlungen kommen immer wieder vor, sofern die Hurrikansaison nicht so schwach ist wie in den vergangenen Jahren.

2. Umwandlungen von außertropischen Tiefdruckgebieten in tropische Stürme

Das geschieht meist im Oktober oder November, wenn vom Nordatlantik bis zu den Azoren und den Kanarischen Inseln die ersten Kaltluftvorstöße stattfinden. Die Tröge schnüren sich dann in weiterer Folge ab und bilden ein abgeschlossenes Höhentief. Der vertikale Temperaturunterschied zwischen der Höhenkaltluft und dem vergleichsweise warmen Atlantik kompensiert dann die geringeren Wassertemperaturen selbst (meist deutlich unter 26°C). Die Stürme sind zudem weniger anfällig für eine lebhafte Höhenströmung, weil sie durch die geringere Energie nicht so weit in die Höhe wachsen.

Beispiele: Delta, Epsilon, Vince, Zeta (alle 2005)

Hurrikan VINCE erreichte die Iberische Halbinsel am 11. Oktober 2005, der erste Hurrikan seit 1842, der die spanische Küste erreichte.

Ein weiteres Beispiel ist Tropensturm GRACE, der vom 4.-6. Oktober 2009 existierte. Er besaß rund 26 Stunden lang ein Auge. So weit nordöstlich wurde bis dahin noch nie Tropensturmbildung beobachtet. Am 6. Oktober zog GRACE unter Auflösung knapp südlich an Irland vorbei.

3. Tropische bzw. Subtropische Stürme im Mittelmeer

Diese auch als Medicanes bekannten Stürme bilden sich wie bei 2. meist durch eingeschlossene Kaltluft in höheren Luftschichten. Sie sind aufgrund des begrenzten Warmwasserreservoirs des Mittelmeers meist viel kleiner als atlantische Tropenstürme und erreichen selten Kategorie 1.

Beispiele: 16. Januar 1995, 27. Oktober 2005, 26. Januar 1982, 26. September 2006, ROLF am 8. November 2011 (auf Wikipedia gibt es dazu Satellitenbilder) sowie zahlreiche weitere Beispiele.

In Summe ist es also bereits jetzt der Fall, dass Tropenstürme direkt oder indirekt Europa betreffen. Um allerdings den weiten Weg von der Karibik bis zum Ostatlantik zu bewältigen, benötigen sie eben nicht nur ausreichend Energie, sondern auch die passende Höhenströmung, die aber nicht zu stark sein darf, weil der Wirbel sonst instabil wird bzw. in ein außertropisches Sturmtief umgewandelt wird.

 

 

 

Sind die Vorhersagen genauer geworden?

Es gibt darauf keine klare Antwort und hängt davon ab, welche räumliche und zeitliche Größenordnung und welches Wetterphänomen man betrachtet.

Die Prognose der Großwetterlagen lässt sich anhand der 500 hPa-Druckfläche relativ leicht überprüfen:

Entwicklung der 500 hPa-Prognose anhand des EZMWFs für verschiedene Prognose-Zeiträume

Entwicklung der 500 hPa-Prognose anhand des EZMWFs für verschiedene Prognose-Zeiträume

Quelle: http://earthzine.org/2014/01/06/the-group-on-earth-observations-looks-toward-a-second-decade-of-data-sharing/

Die Graphik zeigt auf der X-Achse die Jahre 1980 bis 2010 und auf der Y-Achse die Treffergenauigkeit in Prozent, jeweils für 10-Tages-Prognosen (gelb), 7-Tages-Prognosen (grün), 5-Tages-Prognosen (rot) und 3-Tages-Prognosen (blau). Der obere Graph bildet die Nordhemisphäre, der untere die Südhemisphäre ab.

Allgemein bestätigt der Graphikverlauf die subjektive Empfindung vieler Leser, Hörer und Seher von Wetterberichten: Die Prognosequalität hat sich von den 80ern ausgehend deutlich verbessert, wie etwa die 3-Tages-Prognose von 84 auf 98 % oder die 7-Tages-Prognose von 45 auf 75 %.

Seit der Jahrtausendwende wurde auch die beträchtliche Lücke zwischen Nord- und Südhemisphäre dank fortgeschrittener Satellitenentwicklung geschlossen. Denn das große Manko der Südhalbkugel war bis dahin, dass aufgrund der ausgedehnten Meeresoberfläche weniger Stationsdaten vorhanden sind. Die erdumspannende Satellitenbeobachtung gleicht die mangelnde Stationsdichte aus.

Jetzt handelt es sich bei der Prognose der 500 hPa-Druckfläche (d.h. die Höhe, in der ein Luftdruck von 500 hPa herrscht, bei Tiefdruck weniger als 5500 m, bei Hochdruck mehr) nur um einen Vorhersageparameter, der für die Meteorologen zwar essentiell ist, aber in herkömmlichen Wetterberichten nie vorkommt.

Den Normalverbraucher interessiert, was am Boden passiert, und da vor allem Höchsttemperatur, Sonnenschein/Bewölkung und Niederschlag.

Und da zeigen sich doch regionale Unterschiede in der Vorhersagequalität der letzten Jahre. Das liegt an einer synoptischen Faustregel:

Der größere Wirbel steuert immer den kleineren.

Ein Extrembeispiel zur besseren Veranschaulichung ist Orkan LOTHAR am 26. Dezember 1999:

Bodendruck und Luftmasse (ThetaeE), Quelle: www.wetter3.de

Bodendruck und Luftmasse (ThetaeE), Quelle: http://www.wetter3.de

Das Orkantief LOTHAR befand sich am zweiten Weihnachtsfeiertag über Deutschland, das steuernde Tiefdrucksystem, bestehend aus mehreren Tiefdruckkernen, über der Nordsee. Das ZENTRALTIEF steuert die RANDTIEFS, ebenso wie kleinere Tiefdruckgebiete an Hochdruckgebieten entlang ziehen. So eine Großwetterlage ist RELATIV gut vorhersagbar (LOTHAR damals nicht, aber das lag nicht nur an den Modellen).

Schauen wir uns dagegen die Hochwasserlage vom Mai/Juni 2013 an, das in Teilen Süddeutschlands ein Jahrtausendhochwasser zur Folge hatte.

Bodendruck und 500 hPa-Druckfläche (Linien), Quelle: wetter3.de

Bodendruck und 500 hPa-Druckfläche (Linien), Quelle: wetter3.de

Das steuernde Höhentief ist recht ausgedehnt und war in seiner Position vergleichsweise gut vorhergesagt. Es handelt sich hier um dieselbe dargestellte Druckfläche wie in der Verifikation der Vorhersagegüte auf der ersten Karte. Problematisch ist aber nicht das Zentrum des Höhentiefs, sondern seine Trabanten am Boden: mehrere Tiefdruckkerne kreisen um das Höhentief gegen den Uhrzeigersinn, und steuerten damals triefend feuchte und milde Luftmassen vom Mitttelmeer und Schwarzen Meer über das Festland nach Süddeutschland und die Nordalpen.

Hier ergeben sich die Unsicherheiten, wie lange es regnet, welche Region genau betroffen sein wird, und wie hoch die Mengen ausfallen.

In den vergangenen Jahren häufen sich diese Höhentief-Wetterlagen.  Zum Vergleich, am 23. Juni 2004 sorgte ein frühsommerliches Sturmtief für zahlreiche Schwergewitter über Nord- und Ostdeutschland, darunter einen starken Tornado (F3-T7) in Micheln, Sachsen-Anhalt. Die Großwetterlage zeigt eine straffe Südwestströmung am Boden und in der Höhe, die Wetterlage selbst ist relativ gut vorhersagbar gewesen.

Bodendruck und 500 hPa, Quelle: wetter3.de

Bodendruck und 500 hPa, Quelle: wetter3.de

Symptomatisch für den feuchtkühlen Sommer 2014 war hingegen diese Großwetterlage:

Bodendruck und 500 hPa, Quelle: wetter3.de

Bodendruck und 500 hPa, Quelle: wetter3.de

Ein ausgedehntes Höhentief mit Kern über den Alpen, Tiefdruckgebiete am Boden über dem Golf von Genua, über dem Dreiländereck Serbien-Ungarn und Rumänien sowie über Ostdeutschland. Die Vorhersage war für 3 Tage im Voraus oft schon recht unsicher, manchmal sogar der Folgetag.

Viele Köche verderben den Brei – je mehr Tiefdruckgebiete gegenseitig wechselwirken, desto größer die Herausforderung für die Wettermodelle, diese Wechselwirkungen zu erfassen.  Bei großen Trögen und kleinen Bodentiefs ist die Wechselwirkung leichter prognostizierbar, die Zahnräder greifen ineinander. Hat man gleich große Tröge oder mehrere Bodentiefs auf engstem Raum, welcher Wirbel steuert dann den anderen? Das ist ungleich schwieriger.

Wir erinnern uns an den Winter 2012/13, als vor allem der Alpenostrand mit Schnee regelrecht zugeschüttet wurde, im Winter 2013/14 war die Alpensüdseite dran und im Winter 2014/15 zogen die Adriatiefs häufig zu weit östlich. Nordwestlagen treten jetzt häufiger im Spätwinter bzw. zu Frühlingsbeginn auf. Im Sommer wiederholt sich seit 2-3 Jahren die Großwetterlage. Statt straffer Südwestströmung herrscht oft ein Höhentief quer über Mitteleuropa mit herumeiernden Bodentiefs, von Meteorologen auch Barosumpf genannt.

Solche Wetterlagen über Monate hinweg, mit nur wenigen Hochdruckphasen dazwischen, zermürben die Wetterfrösche. Denn die 1-3-Tages-Prognosen sind deutlich anspruchsvoller und zugleich unberechenbarer geworden. Gewitter, die nicht mit der Höhenströmung ziehen, sondern scheinbar zufällig irgendwo im Gelände entstehen und eigenwillig ziehen, sind nahezu unvorhersagbar, und können durch anhaltenden Sturzregen dramatische Auswirkungen haben. Schnellziehende Schwergewitter sind von der Wahrscheinlichkeit her besser vorhersagbar. Gewitterlinien sind auch räumlich besser vorhersagbar. Bei schwachgradientigen Tiefdrucklagen hat man aber weder Linien noch brav unisono ziehende Gewitter, sondern mehrere Richtungsänderungen auf engstem Raum.

Im Winter sind zwar die beteiligten Wettersystem großflächiger, wie etwa ein großräumiger Warmfront- oder Okklusionsschneefall, aber bei Höhentieflagen zieht das Adriatief dann eben nicht über Kärnten und die Steiermark hinweg, wie noch 2013/2014, sondern über Slowenien, Kroatien und Ungarn nordostwärts, und der Alpenraum schaut in die Röhre. So hat man diesen Winter schon ein paar Mal selbst kurzfristig ins Klo gegriffen, weil wieder alles nach Osten verschoben oder gänzlich abgesagt wurde.

Um es zusammenfassen:

Großräumige Wettersysteme sind deutlich besser vorhersagbar als noch vor 30 Jahren. Gewitter- und Höhentieflagen bleiben trotz Supercomputer und hochaufgelöster Wettermodelle die Achillessehne in der Wettervorhersage.  Auch Kollegen anderer Wetterdienste kamen zu dem gleichen Schluss wie ich, dass sich in den vergangenen Jahren die Wetterprognose im Kurzfristbereich verschlechtert hat.

Eine Hypothese der Auswirkung des Klimawandels auf Großwetterlagen ist übrigens, dass die Höhenströmung tendenziell weiter abnimmt, weil sich durch die Erwärmung der Polgebiete die Luftdruckgegensätze zwischen Pol und Äquator abschwächen. Das würde in Zukunft anhaltende Trocken- bzw. Regenphasen bedeuten, aber auch eher langsam ziehende, schwerer prognostizierbare Fronten und Gewittersysteme.

Die vergangenen Jahre legen beredtes Zeugnis dieser Hypothese ab. Handelt es sich hier nur um eine Episode (Wetter ist NICHT Klima!), oder um einen ersten Trend?

Sensationsjäger beim ZDF

Eine mehr als peinliche Dokumentation hat der ZDF mit „Wetterjäger in Deutschland“ abgeliefert.

Gewitter, Orkane, Starkhagel (00:27)

Starkhagel gibt es nicht. Hagel(schlag) kann dicht sein (kleine Hagelkörner, aber massenweise) oder groß (vom Durchmesser).

Sogar Tornados sind in unseren Breiten keine Seltenheit mehr. (00:36)

Tornados hat es schon immer in Mitteleuropa gegeben.

„Doch wo und wann genau wird das Unwetter zuschlagen?“ (01:23)

Reißerischer geht es nicht mehr. Bei keiner noch so schweren Unwetterlage rennen die Meteorologen mit angsterfülltem Blick wie aufgescheuchte Hühner durch das Büro. Das wäre auch ziemlich unprofessionell, nicht?

„Aber des sieht wirklich harmlos aus auf de Wetterkarten“ (02:15)

radarbild

Auf dem Bildschirm ist ein aktuelles (!) Radarbild (!) zu sehen und keine Vorhersage (02:08), die eingekreisten Bereiche zeigen an, wo sich bereits überall Schauer und Gewitter entwickelt haben. Im Bereich der Schwäbischen Alb sieht man eine kräftigere Gewitterzelle.

Daraus abzuleiten, es sehe harmlos aus und wie sich die Entwicklung überhaupt weiter gestaltet, ist schon sehr gewagt.

Eine Größe von 5 cm ist mittlerweile auch in Deutschland keine Seltenheit mehr (4:01)

Der nächste Unsinn. Beim Hagelunwetter in München am 12.Juli 1984 gab es sogar 10-14 cm große Geschosse. 5 cm werden bei fast jeder größeren Schwergewitterlage im Sommer erreicht.

06:18: Dass die Schadenssumme steigt, liegt am steigenden Wert der versicherten Güter, aber auch daran, dass etwa Wintergärten und Gewächshäuser sehr beliebt sind. Davon bereinigt auf eine Zunahme an Hagelereignissen zu schließen, ist schwierig.

07:20: Die Schwäbische Alb zählt  statistisch gesehen zu den Regionen, wo am häufigsten Hagel und Großhagel auftreten. Hier strömt feuchtwarme Mittelmeerluft von Südwesten heran, die einen sehr hohen Flüssigwassergehalt aufweist. Dieser ist für extrem großen Hagel Voraussetzung. Da die Albfläche höher gelegen ist als etwa das Norddeutsche Tiefland, schmilzt der Hagel auf dem Weg von der Gewitterwolke zum Erdboden nicht so stark ab und erreicht mit größerem Durchmesser als in tiefergelegenen Regionen die Oberfläche.  Je nördlicher, desto absolut trockener ist im Durchschnitt die Luftmasse, das gilt auch für das Hochgebirge. Ausschließen kann man großen Hagel aber nirgends.

Auch in Deutschland sind Tornados längst keine Seltenheit mehr (9:02)

s.o. , die Europäische Unwetterdatenbank (ESWD) belegt, dass Tornados seit dem frühen Mittelalter beobachtet wurden.

12:45 Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des DWD, stellt endlich klar, dass „Deutschland auch ein Tornadoland“ sei.

Ob der (Wind) sich zu einem Tornado verstärkt, können sie noch nicht abschätzen (13:53)

Ein kalter Ausfluss aus einem Gewitter wird nicht einfach so zum Tornado, der Tornado ist ein abgegrenztes Gebilde innerhalb eines Gewitters. Zwar in unterschiedlichen Formen, aber eben nicht so einfach wie hier gesagt.

14:27 So, jetzt wird mal eben suggeriert, dass Hurrikans Tornados sind.

Mit einem solchen Wirbelsturm rechnen Marco und Benjamin heute zwar nicht (15:44)

Und erneut werden Hurrikane und Tornados in einen Topf geworfen.

19:30 Das Klischée der Fachidioten (seufz). Auch Meteorologen setzen nicht blindlings auf „Super-Computer“, Intuition ist immer mit dabei. Synoptisch gewürztes Bauchgefühl, wie man auch sagt.

Ein riesiges Tiefdruckgebiet entsteht vor Schottland. Kalte Polarluft zieht nach Europa und trifft auf warme Meeresströmungen aus dem Golf von Mexiko (21:10)

Öhmmm … nein:

tief

Quelle: maps-for-free.com

Der Landwirt sagt für die erste Testwoche milde Temperaturen […] (21:26)

Bezugsort? Das ist zudem keine Langfristprognose. Es kann nicht einmal nachvollzogen werden, welche Wetterlage geherrscht hat. Der Zuseher wird im Unklaren gelassen.

25:11 Alles klar, seine Fehlprognose liegt am Klimawandel. Böse Zwetschgen.

Doch dieses Mal waren die Bienchen wohl etwas vorschnell (26:17)

Weil phänologische Beobachtungen nur den Ist-Zustand zeigen, keine Prognose?

Wer hätte etwa angesichts des Wintereinbruchs Ende November geglaubt, dass dies die letzte schneereiche Phase im gesamten Winter 13/14 bleiben würde?

28:22 Ja eh, Bauernregeln schlagen Super-Computer bei einer Prognose ohne Bezugsort.

Ich habe mir die Sendung die vollen 28 Minuten geben, aber schon nach 36 Sekunden war klar, dass dies keine seriöse Dokumentation werden würde. Vom Niveau her eher bei Boulevardsendungen angesiedelt. Mehr als beschämend, wenn deutsche Bürger dafür eine Haushaltsabgabe abdrücken müssen.

Nullaussagen zum Klimawandel

Wie es um das Verständnis von Wetter und Klima im deutschsprachigen Raum bestellt ist, sieht man unlängst wieder an diesem APA-Artikel, der etwa hier im Wirtschaftsblatt erschienen ist.

Schon der Teaser fasst die Nullaussagekraft des gesamten Artikels sehr schön zusammen:

Der Klimawandel macht auch vor Österreich nicht Halt. Künftig muss alle drei Jahre mit extremen Wetterereignissen gerechnet werden.

  1. Warum sollte der Klimawandel gerade Österreich ausschließen?
  2. Wie sind „extreme Wettereignisse“ definiert?

Das ist gleichzeitig die Krux des Artikels, denn hier geht es ausschließlich um versicherte Schäden.  Naturgemäß leben heute mehr Menschen in Österreich als vor 100 Jahren, es sind wesentlich mehr Flächen besiedelt, gleichzeitig ist sowohl die Zahl der versicherten Objekte als auch deren Wert deutlich gestiegen. Ein Wetterereignis wird heute also wesentlich höhere Schäden verursachen als vor 100 Jahren, beispielsweise großer Hagel an Wintergärten oder Gewächshäusern mit Glasüberdachung. Dafür muss nicht notwendigerweise die Zahl der Großhagelereignisse zunehmen.

Großflächige Sturmsysteme treten zwar seltener, dann aber extrem intensiv auf, zu sehen war das etwa beim Sturmtief Emma 2008.

Wo ist da ein Beleg für eine Zunahme? Dass ein Orkantief für Orkanböen sorgt, ist keine Folge des Klimawandels.

Von Schneedruck besonders betroffen sind die Nordalpen, der Böhmerwald im nördlichen Teil Oberösterreichs und Oberkärnten. Auch hier spielt die globale Erwärmung eine Rolle: in höher gelegenen Gebieten bleibt der Schnee liegen. Kommt dann eine Warmfront, entstehen die großen, schweren Schneelasten. Die Hochrisikozonen werden sich von Lagen in 600 bis 800 Meter Höhe auf Lagen über 800 Meter verschieben.

Das ist eben die große Unbekannte, denn in Oberkärnten sind extreme Schneefälle wie diesen Winter keine Seltenheit, sie kommen alle 50-75 Jahre vor. Meterhohe Schneemassen durchaus häufiger in etwas geringerer Intensität. Für die Nordalpen ist jedoch in den vergangenen Jahren der umgekehrte Trend festzustellen. Nordwestlagen werden deutlich seltener, insgesamt treten häufiger sogenannte Low-Index-Wetterlagen (d.h. keine straffe Westwetterlage, sondern blockierende Hochdrucklagen oder schwache Tiefdrucklagen) auf, im vergangenen Winter gab es beispielsweise keine einzige Nordwestlage! Entsprechend können sich dann auch keine großen Schneelasten aufbauen, wenn der Niederschlag ausbleibt und der Föhn den Schnee wegfrisst.  Ein Prototyp für erhöhtes Schneelastrisiko war der Nordwestlagenwinter 2005/2006, als im Spätwinter im Bayerwald Dächer unter den Schneemassen einstürzten. Seitdem ist dieses Szenario nicht mehr eingetreten.

Ein allgegenwärtiges Risiko stellt Hochwasser dar. Jahresniederschläge werden steigen, damit auch die Häufigkeit extremer Hochwässer. So kam es nach dem „Jahrhunderthochwasser“ 2002 bereits 2013 erneut zu drastischen Überschwemmungen, wenngleich Schutzverbauungen entlang der Donau sowie der mobile Hochwasserschutz eine spürbare Wirkung gezeigt hätten. Zunehmend entstehen auch Schäden fernab jeden Gewässers, etwa bei Murenabgängen.

Jahrhunderthochwasser heißt nicht, dass Hochwässer nur alle 100 Jahre auftreten. Wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte bzw. das Jahrhundert anschaut, kommt es im Schnitt alle 3-5 Jahre zu Hochwasser mit weiträumigen Überflutungen an größeren Flüssen (Donau: 2002, 2005, 2010, 2011, 2014). Völlig vernachlässigt wird hier auch die Rolle des Menschen, der durch Flächenversiegelung, Begradigungen und Schutzmaßnahmen Hochwasser begünstigt bzw. flussabwärts von Schutzverbauungen verschärft.

Schäden, die bei Murenabgängen entstehen, kann man kaum dem Klimawandel anlasten. Sie sind vor allem eine Folge des Terrains, denn stark geneigtes Gelände, verbunden mit Kanalisierung und Versiegelung, begünstigt starke, oberflächennahe Abflüsse.

Was der im Artikel eingeschobene Absatz über Erdbeben mit dem Klimawandel zu tun haben soll, erschließt sich mir erst recht nicht.

In Summe ein wenig aussagekräftiger Artikel, der allgemein bekannte Gefahren auflistet. Natürlich bedeutet eine steigende Globaltemperatur auch eine Zunahme absoluter Feuchte, womit tendenziell die Intensität von Starkniederschlagsereignissen heftiger wird. Die große Unbekannte in der Gleichung ist jedoch die Häufigkeit dieser Ereignisse, und diesbezüglich lässt sich gerade bei kleinräumigen und kurzlebigen Wettereignissen (Gewitter) kein Trend ausmachen.