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Erstaunliche Folgen von Physik?

Der erste Wintermonat flippt aus, und die Journalisten brauen sich ihre Sensationsstories zusammen.

So berichtet der SPIEGEL heute von einem Orkantief im Nordatlantik.

Irgendwie gingen sachliche Bezeichnungen, die in Mitteleuropa seit offizieller Verwendung der Beaufortskala (Anfang 20. Jahrhundert) üblich sind, verloren. Das im Artikel beschriebene Orkantief erhält folgende Umschreibungen
  • extremer Sturm
  • extremer Tiefdruckwirbel
  • extremes Tiefdruckgebiet
  • starker Sturm
  • riesige Tiefdruckgebiete
  • kräftiger Sturm

Der Luftdruck werde dort in den kommenden Stunden auf rund 920 Millibar absacken, berichten Wetterdienste – ein Extremwert, Durchschnitt sind etwa tausend.

Extremwert ist richtig, der Allzeitrekord liegt bei 914 hPa über dem Nordatlantik (10.01.1993, Braer-Storm). Vom Durchschnittswert darf man aber nicht ausgehen, denn im Winter tummeln sich unzählige Sturm- und Orkantiefs mit Kerndrücken unter 970 hPa in der Region.

Zwei benachbarte riesige Tiefdruckgebiete dürften den Windvorhersagen zufolge auf Hunderten Kilometern Breite auf Hurrikanstärke beschleunigen.

Zwei Mal Vorsicht!

  1. zeigt die Modellkarte im Beitrag die mittlere Windgeschwindigkeit in 850 hPa Höhe, das entspricht zum berechneten Zeitpunkt rund 1200 bis 1400 m Seehöhe, nach Süden hin zunehmend.
  2. befindet sich das langgestreckte Starkwindband im Warmsektor des Tiefdruckgebiets (siehe Vorhersagekarte von GFS darunter)
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Quelle: http://www.wetter3.de – gültig für 30.12.2015, 07 MEZ

Die stärkste Isobarendrängung wird im Warmsektor des Orkantiefs bei Island (hier: 926 hPa) bzw. des Randtiefs bei Irland (hier: 975 hPa) erreicht. Warme Luft ist weitgehend stabil geschichtet, d.h., die in der EZMWF-Karte gezeigte mittlere Windgeschwindigkeit von 35 bis 40 m/s (126-144 km/h, im weißen Bereich  > 150 km/h) wird über weite Strecken nicht 1:1 zum Boden durchgemischt. Die Spitzenböen nahe der Meeresoberfläche betragen dann „nur“ 100 bis 120 km/h.

Höhere Windspitzen sind bei Island verbreiteter anzutreffen, weil sich starke Höhenwinde und instabil geschichtete Kaltluft überlappen, und orographische Effekte hinzukommen (Föhn, Kanalisierung).

Und den Begriff Hurrikanstärke sollte man für tropische Wirbelstürme vorbehalten. Hierzulande spricht man von Orkanstärke (> 117 km/h). Punkt.

…erstaunliche Folgen …schaufelt …milde Luft aus Süden …nach Norden

Nein, Physik.

Am Nordpol gibt es am Mittwoch demnach ähnliche Temperaturen wie derzeit im Süden Kaliforniens oder in Deutschland. Die Eisdecke im Nordmeer dürfte oberflächlich tauen.
Aber höchstens kurzzeitig, denn 24 Std. später ist der Warmluftvorstoß Geschichte. Grund: Das Orkantief bleibt kleinräumig und entwickelt kein umfangreiches Tiefdrucksystem, das über mehrere Tage hinweg Warmluft bis zum Nordpol schaufeln kann, vgl. die Temperaturkarten von GFS für Mittwochfrüh und Donnerstagfrüh:
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Die Warmluft ist zwar weiterhin über Mitteleuropa bis zum Nordmeer erkennbar, allerdings unter Hochdruckeinfluss und bleibt damit großteils durch eine Temperaturinversion (Sperrschicht) vom Boden entkoppelt, mit Ausnahme der Föhnregionen (norwegisches Küstengebirge).

An Deutschland geht das Naturereignis vorbei. Die Wetterdienste sagen für die nächsten Tage ruhiges Winterwetter voraus – bei Temperaturen meist knapp über dem Gefrierpunkt.

Was soll sich bei uns auch ändern, wenn das Förderband von Süden nach Norden reicht und damit das Hochdruckgebiet bei uns bzw. über Skandinavien weiter stützt?

Key facts:

  • Das extreme Tief ist ein Orkantief (Kerndruck unter 955 hPa).
  • Der mutmaßliche Höhepunkt bei 920 hPa ist ein Extremwert, aber kein Rekord.
  • Sturmtiefs mit unter 970 hPa sind im Nordatlantik um diese Jahreszeit normal.
  • Die markante Warmluftzufuhr bis zum Polarkreis ist nur von kurzer Dauer (< 24 Std.) und Tauvorgänge sollten sich entsprechend in Grenzen halten.
  • Der stärkste Höhenwind (siehe gezeigte Modellkarte im Artikel) findet auf der warmen, stabilen Vorderseite der Tiefdruckgebiete statt, und schlägt damit nur stellenweise bis zum Boden durch (z.B. im Lee von Gebirgen, Erhebungen).
  • In Deutschland ist das Naturereignis verantwortlich für ruhiges Winterwetter, denn die herangeführte Warmluft stützt das Skandinavienhoch und hält weitere Tiefdruckgebiete vom Atlantik her vorerst vom Leib.
  • Strenggenommen kommt der aktuelle Warmluftvorstoß (Dienstagfrüh) viel weiter nach Norden als der durch das nachfolgende Tief:
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Das Unwetter, das herrschte

Laut ORF-Meldung vom 19. Dezember 2015 ereignete sich in Longyearbyen auf der Inselgruppe Spitzbergen (norwegisch Svalbard) ein Lawinenunglück mt einem Toten und mehreren Verletzten, mehrere Holzhäuser wurde am Samstagvormittag von einer Lawine mitgerissen, laut der Zeitung „Svalbardposten“.

Außerdem deckte der Sturm das Dach einer Schule im Ort ab und verfrachtete es auf ein Fußballfeld. (Quelle)

Als Ursache etwas schwammig formulierte der ORF:

“ In der Nacht vor dem Unglück herrschte der Zeitung zufolge das schwerste Unwetter seit 30 Jahren.“

Nennen wir doch die Butter bei den Fischen! So weit im Norden Europas kann es sich nur um einen veritablen Schneesturm gehandelt haben. Aber ist das nicht normal für diese Region? Was war so besonders an diesem Ereignis?

Schauen wir uns die Bedingungen am Vortag bis zum Zeitpunkt des Unglücks anhand der Flughafenbeobachtungen von Longyearbyen an:

Im Laufe des Donnerstagabends setzte leichter Schneefall bei zunehmend stürmischem Ostwind ein, besonders am Freitagabend schneite es über Stunden hinweg stark, dazu wehte ein stürmischer Ostwind mit orkanartigen Böen, z.B. um 16.50 MEZ:

ENSB 181550Z 09031G46KT 0500 R10/0800V1200 +SN VV010 M03/M04 Q0983 RMK WIND 1400FT 09046G62KT

Quelle: http://www.navlost.eu/aero/metar/

Der starke Schneefall dauerte bis Samstagmorgen, 8.50 MEZ an, Windspitzen wurden zwar keine mehr gemeldet, der Wind jedoch weiterhin als „remarkable“ (RMK) angegeben.

Die Lawine ging ca. 2 Std. später ab. (Quelle)

Zeit für einen Blick auf die Weltkarte:

Spitzbergen liegt im Arktischen Ozean weit im Norden Europas.

spitzbergen-groß

Der Ort Longyearbyen befindet sich an der Küste des Isfjord im Adventdalen:

spitzbergen-zoom

Quelle: www.maps-for-free.com

Das Adventdalen ist nach Südosten orientiert und erklärt zugleich die häufig gemeldeten Südostwinde (140 Grad) im METAR. Longyearbyen selbst liegt eingeschnitten in einem engen Trogtal, dem Longyeardalen:

spitzbergenklein

Quelle: http://www.researchinsvalbard.no/project/7494

Zum Zeitpunkt des Schneesturms jedoch wurde die Windsituation nochmals verschärft:

Am Freitagabend und in der Nacht zum Samstag saß ein Sturmtief knapp südlich von Spitzbergen. Seine okkludierende Warmfront überzog Spitzbergen mit anhaltendem Starkschneefall. Bemerkenswert ist jedoch die enorme Drängung der Isobaren genau über dem südlichen Spitzbergen!

2015121818_5

Dies schlägt sich auch in den vom Modell analysierten Spitzenböen nieder, die im Bereich des Lawinenunglücks bis zu 129 km/h anzeigen, also vollen Orkan!

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Quelle: www.wetter3.de

Während der Küstenort bei Westwinden durch den Fjord vergleichsweise geschützt ist, wird ein stürmischer Ostwind durch das Tal kanalisiert, föhnartige Effekte verstärken hier die Spitzenböen zusätzlich. Für das Trogtal selbst bedeutet das ebenfalls heftige „Downslope“-Winde und enorme Schneeverfrachtungen.

In anderen Medien ist auch der genaue Ort bekannt:

„large avalanche at Mount Sukkertoppen“ (Quelle)

sukkertoppen

Das löst das Rätsel, denn hier kamen beide Effekte zusammen: Der Sukkertoppen liegt genau am Ausgang des Longyeardalen ins Adventdalen, wo Drängungseffekte für eine weitere Beschleunigung sorgen. Hinzu kommt dann die Überströmung des Berges aus Osten, was Lawinen am Westhang begünstigt.

Zusammenfassung:

Longyearbyen liegt einerseits in einem engen Trogtal, andererseits an der Mündung dessen in ein breites Südost-Nordwest-ausgerichtetes Tal. Die vorherrschende Windrichtung vor und während dem Unglück war Südost bis Ost. Damit wurde der starke Wind im Bereich des Sturmtiefs im Haupttal beschleunigt, was speziell am Sukkertoppen zu einem Leitplankeneffekt führte (Drängung der Stromlinien und weitere Windbeschleunigung). Die Überströmung des Berges begünstigte abgewehten Schnee auf den Westhang und in weiterer Folge den Abgang der Lawine.

Möglicherweise ungewöhnlich war die Stärke des Sturms (siehe Isobarendrängung) in Kombination mit der Windrichtung.

screenshot-www windfinder com 2015-12-19 22-44-29

Quelle: http://www.windfinder.com/windstatistics/longyearbyen_spitsbergen

Die Jahresverteilung der Windrichtung für Longyearbyen zeigt jedenfalls Südostwind infolge katabatischer Winde von den Gletschern und den über weite Strecken schneebedeckten Ausläufern des Adventtals.

Mehr zum Lokalwind in Longyearbyen in dieser Arbeit.

Weiterführende Infos: Eine Studie zur Lawinenanfälligkeit am Westhang des Gruvefjellet, in Nybyen (im südlichsten Longyearbyen).

Sturmtief sorgt für irreführende Schlagzeilen

Sturm fegte mit 160 km/h über das Land

Mit Böen von über 160 km/h ist in der Nacht auf Montag ein Sturm über Österreich hinweggebraust. Der Orkan sorgte vor allem im Süden Niederösterreichs teilweise für Dauereinsätze der Feuerwehr.

161,6 km/h wurden von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf dem Feuerkogel gemessen, dennoch mussten die Feuerwehren in Oberösterreich nur 20-mal ausrücken. Ganz anders die Situation in Niederösterreich, wo am Montag 56 Feuerwehren mit 700 Mann ausrückten.

[…] Ob die Höchstwerte der vergangenen Nacht erreicht oder übertroffen werden, sei nicht vorherzusagen, da lokale Verwirbelungen einen durchaus starken Effekt haben könnten.[…]

Quelle: http://noe.orf.at/news/stories/2744942/

Der Bericht vermengt Sturmtief, Spitzenböen, geographische Besonderheiten und Windspitzen im Flach- und Bergland.

1. wurden die 160 km/h nur am Feuerkogel gemessen, eine besonders exponierte Bergstation auf 1618 m, die vom Leitplankeneffekt profitiert. Sie befindet sich am Alpennordrand und hat den Hausruck gegenüber, wodurch zusätzlich eine gewisse Kanalisierung eintritt.

2. Sturm(tief) ist korrekt, von einem Orkantief spricht man erst, wenn auch in 10 m Höhe im Flachland im Mittel Orkanstärke erreicht wird.

3. handelte es sich um einen sogenannten Warmsektorsturm, d.h., die Kaltfront hat Österreich zum Zeitpunkt der stärksten Windböen nicht überquert. Ober- und Niederösterreich verblieben in der warmen, stabil geschichteten Luftmasse.

Für Oberösterreich bedeutete das, dass die starken Mittelwinde in rund 1500 m (70 Knoten, ca. 125 km/h) nicht vollständig zum Boden herabgemischt wurden, da kein abwärts gerichteter Impuls vorhanden war (z.B. Föhn, Schauer/Gewitter). Entsprechend blieben die Windspitzen im oberösterreichischen Flachland meist zwischen 70 und 90 km/h.

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Feuerwehreinsätze am 30.11.2015, ab Mitternacht; grün: Sturmeinsätze

Die meisten Schäden traten unmittelbar am Alpennordrand auf.

Quelle: http://intranet.ooelfv.at/

In Niederösterreich beschränkten sich die stärksten Böen auf eine eng begrenzte Region unmittelbar am Alpenostrand:

windspitzen_alpenostrand_301115_bis_14z

Quelle: http://www.maps-for-free.com, von mir beschriftet

Die Feuerwehreinsätze Niederösterreichs konzentrieren sich ebenfalls auf die Region vom Schwarzatal an der Rax über die Hohe Wand und das Steinfeld bis nach Wien. Im Gegensatz zu Oberösterreich hielten sich die Spitzenböen entlang der Voralpen in Grenzen.

Warum so große Unterschiede? Hier spielen Schneeberg, Hohe Wand und Wienerwald eine wesentliche Rolle!

wienerwaldfoehn

Die Skizze zeigt die Strömungsverhältnisse am 30.11.2015 am Alpenostrand; blau: bodennaher Kaltluftsee

 

Infolge der Gebirgsüberströmung sinkt die Luft im Lee rapide ab und zieht die kräftigen Höhenwinde bis zum Boden hinab. Die Spitzenböen in Wiener Neustadt und im Süden von Wiens sowieso wohl verbreitet (abseits gemessener Werte) unmittelbar am Alpenostrand entsprechen fast 1:1 dem Mittelwind in 1000 bis 1500 m Höhe.

Stromaufwärts, d.h., westlich des Wienerwalds, war die Luftschichtung zu stabil, um die heftigen Höhenwinde herabzumischen.

Ursache für die räumliche Konzentration der Sturmschäden war also Westföhn!

4. Lokale Verwirbelungen treten immer auf, wenn ein starker Höhenwind über ein Gebirge streift. Für kommende Nacht werden ähnlich hohe Mittelwinde in 1500 m Höhe vorhergesagt wie in der vorherigen Nacht. Einzig die durch den starken Regen angefeuchtete bodennahe Luftschicht spricht eventuell gegen vergleichbare Spitzen, denn Leewellen breiten sich in feuchter Luft weniger gut aus als in trockener Luft.

Gonzalo immer noch ein Hurrikan?

Tropensturm GONZALO war eine echte Überraschung für viele Vorhersager tropischer Zyklone, denn der Sturm mauserte sich rasch zu einem Kategorie-4-Hurrikan, also einem Hurrikan der zweitstärksten Stufe, der erste auf dem Atlantik übrigens seit 2011. Er entstand am 12. Oktober 2014 östlich der Kleinen Antillen und wandelte sich im Laufe des 19. Oktobers beim Vorbeizug an Neufundland in ein außertropisches Sturmtief um.

Dieses außertropische Sturmtief EX-GONZALO überquerte Großbritannien am 21. Oktober, die Kaltfront zog am Nachmittag und Abend mit Pauken und Trompeten auch über Deutschland und den Alpenraum hinweg. Den ehemaligen (!) tropischen Eigenschaften der Luftmasse, d.h. sehr feucht und instabil geschichtet, ist es zu verdanken, dass für die Jahreszeit ungewöhnlich viele Gewitter mit Kaltfrontpassage (und bereits davor) auftraten. Als Tropensturm oder gar Hurrikan wurde das Tief zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr geführt. Es fehlte im Warmsektor auch gänzlich der für kräftige Orkantiefs typische Sturm im Flachland noch erreichte eine Wetterstation im Flachland einen 10-minütigen Mittelwind von 117 km/h. Hurrikan trifft damit auch im wortwörtlichen Sinn (hurricane = Orkan) nicht auf dieses Tiefdruckgebiet zu.

Trotzdem gibt die APA eine Presseaussendung heraus, die lautet …

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ [….]

Die PA wird ungeprüft von zahlreichen Zeitungen übernommen und zwar abgewandelt, aber die entscheidende Falschaussage bleibt überall bestehen:

Im Standard:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ zogen in Form einer Kaltfront von Westen her über das Bundesgebiet

Quelle: http://derstandard.at/2000007142572/Wettersturz-in-Oesterreich

Im Hamburger Abendblatt:

Ausläufer von Hurrikan „Gonzalo“ fordern erste Opfer

Eine Frau wurde von einem Baum erschlagen. Hurrikan „Gonzalo“ behindert den Flugverkehr. In der Nacht ist auch Hamburg betroffen.

Quelle: http://www.abendblatt.de/vermischtes/article133504625/Auslaeufer-von-Hurrikan-Gonzalo-fordern-erste-Opfer.html

Im ORF:

Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ waren über Großbritannien hinweggefegt.

Quelle: http://orf.at/stories/2250537/

In der NZZ:

Vom Waadtland bis nach St. Gallen haben Ausläufer des Hurrikans «Gonzalo» am Dienstagabend für Feuerwehr- und Polizeieinsätze gesorgt.

Quelle: http://www.nzz.ch/panorama/auf-orkanboeen-folgen-die-schneeflocken-1.18408829

In der FAZ:

Die Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ bremsen Flugreisende in Großbritannien.

Quelle: http://www.faz.net/agenturmeldungen/unternehmensnachrichten/hurrikan-gonzalo-auslaeufer-in-grossbritannien-flugausfaelle-13221451.html

In der NOZ:

Am Nachmittag wird der heftige Sturm – ein Ausläufer des Hurrikans „Gonzalo“ – das Hochwasser dann noch einmal gegen 14 Uhr an der Elbmündung steigen lassen.

Quelle: http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/516268/orkanboen-in-niedersachsen-aber-sturmflut-bleibt-aus-1

Ausläufer ist übrigens kein meteorologischer Fachbegriff, sondern umgangssprachlich bzw. für Laien anschaulich ein anderer Begriff für Front oder Frontensystem. Man spricht auch von Frontenausläufern oder für Ausläufer (meist) anstelle einer Kaltfront. So sorgte auch dieses Mal, von dem anhaltenden Sturm an der Nordsee abgesehen, die Kaltfront überwiegend für die Spitzenböen in Mitteleuropa. Hurrikane besitzen aber per definitionem keine Kaltfront, sondern bestehen im Reifestadium aus Schauer- und Gewitterbändern. Diese können zwar optisch wie eine Kaltfront aussehen, führen aber keinen Luftmassenwechsel herbei. Die Kaltfront gestern abend brachte aber einen markanten Temperatursturz, der wiederum typisch für eine Sturmtiefpassage der gemäßigten Breiten ist.

Die Medien hätten also schreiben müssen:

„Ausläufer eines Sturmtiefs, das aus dem ehemaligen Hurrikan GONZALO hervorging, brachten ….“

Der Sturm am Alpenostrand

Der zweitägige Sturm in Österreich vom vergangenen Wochenende (15-16.3.14) hat teils beträchtliche Schäden angerichtet.

Ein paar Windspitzen von Bergstationen …

  • Klosterwappen (2076m), Schneeberg: 185 km/h
  • Hocheck (1037m), Gutensteiner Alpen: 152 km/h
  • Hohe Veitsch (1981m), Veitschalpe: 150 km/h
  • Eismauer, Hochschwab (2220m): 150 km/h
  • Buchbergwarte (465m), Wienerwald: 133 km/h
  • Ötscher (1520m): 130 km/h

und aus dem Flachland:

  • Bad Vöslau- Flugfeld (233m), Alpenostrand: 141 km/h
  • Turnau (782m), Aflenzer Becken: 123 km/h
  • Wien-Unterlaa (201m): 119 km/h
  • St. Georgen ob Judenburg (718m): 115 km/h
  • Eichberg (578m), Joglland: 115 km/h
  • Pottschach-Ternitz (415m), Alpenostrand: 112 km/h
  • Brunn am Gebirge (300m), Wienerwaldosthang: 108 km/h

Für die Ursache des Sturmtiefs wurde ein Meteorologe von der ZAMG durch die APA befragt. Hier das Zitat auf der orf.at-Seite:

Meteorologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sagte gegenüber der APA, Stürme wie jener vom Wochenende kämen alle vier, fünf Jahre vor. Die hohen Windgeschwindigkeiten waren durch große Temperaturunterschiede zwischen einem isländischen Tief und einem Hoch vom Atlantik entstanden […].

Ob er das wirklich so gesagt hat, sei dahingestellt. Dass Meteorologen mit verdrehten, verkürzten und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten leben müssen, ist leider eine Tatsache.

1. Temperaturunterschiede?

Das ist zwar indirekt richtig, treibende Kraft für den Wind sind jedoch Druckunterschiede, die durch den Wind ausgeglichen werden. Schauen wir uns die Situation genauer an:

Zum Zeitpunkt der starken Tiefdruckentwicklung über der Nordsee wurden im Bereich des Hochs 12 Grad auf der Wasseroberfläche gemessen, im Raum Island waren es rund 7 Grad. Schön, aber was hat das mit den Orkanböen im östlichen Flach- und Bergland zu tun?

Zum Zeitpunkt eines Islandtiefs und des Atlantikhochs sahen die Bodendruckverhältnisse folgendermaßen aus:

Sturmtief

Die Abbildung zeigt die Analyse vom Freitag, 14. März, 2014, 06 UTC (= 06 Uhr MEZ), vom Bodendruck (weiße Linien) und pseudopotentieller Temperatur in 850 hPa. Hoch und Tief habe ich zur Verdeutlichung markiert, ebenso die Lage Österreichs. Ein Zusammenhang des Druckunterschieds und der Orkanböen in Österreich ist auszuschließen – es ist ja auch noch ein Tag zu früh!

Die weitere Entwicklung:

kaltfront

Samstagmittag überquert die Kaltfront des Sturmtiefs über dem Baltikum (!) Österreich von Nord nach Süd, in Wien treten sogar Gewitter auf. Der Druckgradient nimmt erstmals zu, zudem mischt die nachströmende Höhenkaltluft den Höhenwind herab. Der Schneeberg erreicht sein voraussichtlich höchstes Windmaximum seit dem 27.1.2008 (damals 230 km/h) mit 185 km/h.

Von Island her nähert sich bereits das nächste Tief.

randwelle1

In der Nacht auf Sonntag schiebt sich von Westen ein Bodenkeil nach Österreich herein, das Sturmtief wütet weiter über dem Baltikum und Russland, über Polen treten anfangs verbreitet noch Gewitter auf. Von der Nordsee her nähert sich eine weitere Störung, die sich an der Warmfront des vorherigen Islandtiefs weiterentwickelt.

randwelle2

Sonntagmittag, als der Höhepunkt des schweren Sturms am Alpenostrand erreicht wird, liegt das Hoch nahezu unverändert über der Biskaya, während das Russlandtief mit 965 hPa für Österreich keine Rolle mehr spielt. Entscheidend ist die flache Störung (Meteorologen sagen offene Welle dazu, da sich noch keine abgeschlossene Bodenisobare um den Kern des Tiefs zeigt). Sie verschärft das Druckgefälle über Österreich deutlich.

Die markanten Druckgegensätze erklären jedoch nicht, weshalb die stärksten Böen am Alpenostrand (Joglland, südliches Steinfeld, Wienerwaldosthang inkl. Wien ) aufgetreten sind.

Alpenostrand-Skizze

(Kartengrundlage: Bergfex)

Die topographische Karte des Alpenostrands wurde um die Hauptwindrichtungen während der Spitzenböen ergänzt. Es handelt sich hier klar um einen Überströmungseffekt, d.h. absinkende Luftbewegung auf der windabgewandten Seite der Voralpen und des Wienerwalds sorgte für kräftigen Westföhn. Der Mittelwind in 1500 m betrug zum Zeitpunkt der Spitzenböen etwa 130-140 km/h.

gapflows

Die obere Skizze zeigt die Verhältnisse etwa am Hocheck oder auf weiteren Kuppen der Voralpen, wo die Windgeschwindigkeiten zum Teil höher als auf den hohen Alpengipfeln lagen. Durch den Hochdruckeinfluss lag die Temperaturinversion relativ niedrig (ca. 1400 m), und zwischen niedrigen Voralpengipfeln und Inversion wurde das Luftvolumen regelrecht zusammengequetscht. Die Luft muss aber irgendwo hin und beschleunigt also. Daher die starken Winde auf freien Kuppen. Im Lee des Berges sinkt die Luft wieder ab und beschleunigt durch die Abwärtsbewegung abermals.

Ein weiterer Effekt könnte das ungewöhnlich hohe Windmaximum bei Bad Vöslau erklären, das am Ausgang des Triestingtals liegt. Hier beschleunigt der Wind vom Hocheck kommend das Tal hinaus, das sich abrupt ins Steinfeld öffnet. Der sogenannte gap flow ist hier für eine Beschleunigung am Talausgang verantwortlich.

In Summe kann man also mehrere Faktoren für die recht heftigen Sturmwinde verantwortlich machen:

  1. Starkes Druckgefälle zwischen einem Hoch über der Biskaya und einer Störung über Polen (ein Randtief im Entwicklungsstadium).
  2. Stabil geschichtete Luftmasse durch Hochdruckeinfluss mit niedriger Sperrschicht. 
  3. Dadurch verstärkte Höhenwinde in den Kamm- und Gipfellagen im östlichen Bergland.
  4. In den Niederungen Kanalisierungseffekte entlang eines Tals und am Talausgang („gap flow“) sowie Westföhn („downslope winds“).
  5. Untertags begünstigend waren außerdem die kräftige Sonneneinstrahlung auf die ausgedörrten Böden sowie stellenweise über die Kämme gewehter Niederschlag, der in die trockene Föhnluft fiel und durch Verdunstungskälte diese beschleunigte.

Insgesamt ähneln sowohl Tief- und Niederschlagsentwicklung als auch die Großwetterlage der Sturmtiefserie um den 27. Jänner 2008, als in Unterkärnten und in der südlichen Steiermark verbreitet Böen zwischen 110 und 150 km/h gemessen wurden.

Im Unterschied zu damals war jedoch die Luftmasse dieses Mal wesentlich feuchter und weniger für Verdunstungskälte anfällig, zudem kam der Höhenwind mehr aus West statt Nordwest, weshalb inneralpine Tallagen nur stellenweise betroffen waren (z.B. Aichfeld, Aflenzer Becken, Ennstal), verbreiteter jedoch der Alpenostrand. Der Druckgradient war ebenso etwas schwächer, in 3 km Höhe maximal 120-140 km/h (2008: 150-180 km/h).